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Im Mittelalter ging es den Menschen besser als erwartet

Unsere Vorfahren: Gesünder dank Pest-Epidemie?

| Autor / Redakteur: Antje Karbe* / Christian Lüttmann

Wissenschaftler erhoben Daten von 15.000 menschlichen Skeletten aus mehr als 100 Regionen Europas: hier ein Schädel mit deutlich erkennbarer Hiebverletzung.
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Wissenschaftler erhoben Daten von 15.000 menschlichen Skeletten aus mehr als 100 Regionen Europas: hier ein Schädel mit deutlich erkennbarer Hiebverletzung. (Bild: Joachim Wahl, Landesdenkmal Amt im Regierungspräsidium Tübingen)

Früher war alles besser – zumindest war die Gesundheit besonders im Mittelalter besser als lange angenommen. Dies ist ein zentrales Ergebnis einer neuen bioarchäologischen Studie, die erstmals eine Gesamtdarstellung zur Gesundheit der Europäer über einen Zeitraum von knapp 2000 Jahren liefert.

Tübingen – Obwohl das frühe Mittelalter (zwischen 500 und 1000 n.Chr.) oft als „dunkles Zeitalter“ beschrieben wird, waren die Menschen damals gesünder als in den folgenden Zeiten – sogar bis in das industrialisierte 19. Jahrhundert hinein. Nicht nur die historischen Vorbilder der Sagenkönige Artus und Siegfried erfreuten sich guter Gesundheit, sondern auch die Mittel- und Unterschichten dieser frühen Zeit. Zu diesem Schluss kommt ein Team aus Wirtschaftswissenschaftlern, Archäologen und Anthropologen, die erstmals in einer bioarchäologischen Überblicksstudie Daten zur menschlichen Gesundheit in Europa aus fast 2000 Jahren zusammengestellt haben.

Wirtschaftshistoriker Prof. Jörg Baten von der Universität Tübingen wertete dafür eine große Datenbasis aus einem breiten Länderquerschnitt des europäischen Kontinents aus, zusammen mit Richard H. Steckel und Clark Spencer Larsen von der Ohio State University sowie Charlotte A. Roberts von der University of Durham und zahlreichen Kollegen.

Mehr als 15.000 europäische Skelette untersucht

Die Studie stellt verschiedene Dimensionen der Gesundheit und anderer Komponenten des Lebensstandards nebeneinander, die bisher so nicht betrachtet wurden. Damit förderte diese für Europa einzigartige Studie erstaunliche Erkenntnisse zutage und lässt erstmals einen Vergleich mit den amerikanischen Kontinenten zu, wo solche Studien bereits ausgeführt wurden.

Um zu einem ganzheitlichen Verständnis der Geschichte und Entwicklung menschlicher Gesundheit, Gewalt und Arbeitsbelastung zu kommen, nahmen Baten und ein Team aus 75 Bioarchäologen ein Jahrzehnt lang Untersuchungen an mehr als 15.000 menschlichen Skeletten vor. Diese stammten aus mehr als 100 Regionen Europas und wurden zwischen dem 3. Jahrhundert n. Chr. und Mitte des 19. Jahrhunderts beigesetzt. Die Grundfrage dabei war: Welchen Einfluss hatten klimatische, geographische, aber auch sozioökonomische Entwicklungen auf die menschliche Gesundheit?

Überraschende Entwicklungen in der Spätantike und danach

Die Wissenschaftler betrachteten die Gesundheit der Zähne, die Körpergröße sowie verschiedene andere Messgrößen zur Ernährungsqualität und Arbeitsbelastung. Sie zählten sogar die gewaltsam eingeschlagenen Schädel und stellten sie denen friedlicher verstorbenen Europäern gegenüber. Dabei fanden sie z.B. heraus, dass die Justinianische Pest in der Spätantike (6. Jahrhundert) indirekt einen positiven Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung hatte: Die Generationen, die direkt nach der Pest geboren wurden, hatten eine deutlich größere Auswahl an Ressourcen, was zu besseren Lebensbedingungen des Einzelnen führte.

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Erstaunlicherweise nahm die Gesamtgesundheit anschließend, also seit dem Frühmittelalter bis zur Phase der Industrialisierung, den Forschern zufolge konstant ab. Baten und sein Team führen dies auf eine wachsende Bevölkerungsdichte, steigende soziale Ungleichheit, sowie die kleine Eiszeit in Spätmittelalter und früher Neuzeit (16.-19. Jahrhundert) zurück.

Staat sorgt für Sicherheit und Gesundheit

Die staatliche Aktivität in Europa seit dem 15. Jahrhundert wirke diesem Trend jedoch entgegen, so die Wissenschaftler. Die dadurch entstandene Sicherheit habe für weniger Gewalt innerhalb der Gesellschaften gesorgt. Einen ähnlichen Zusammenhang von Organisationsgrad und niedrigerer Gewaltbereitschaft stellte Steckel bereits früher für die mexikanischen Hochkulturen im Vergleich zu den kriegerischen Ureinwohnern Nordamerikas fest.

Das Team leistet mit „The Backbone of Europe“ einen Beitrag zum Verständnis dafür, welchen Einfluss ökonomische, klimatische und gesellschaftliche Veränderungen auf die menschliche Gesundheit haben und liefert damit die Grundlage, aus unserer Geschichte zu lernen.

Buchveröffentlichung: „The Backbone of Europe – Health, Diet, Work and Violence over Two Millennia“. Richard H. Steckel, Clark Spencer Larsen, Charlotte A. Roberts, Joerg Baten (Hrsg.). 476 Seiten, Hardcover, Cambridge University Press 2018, ISBN: 978-1108421959

* A. Karbe, Eberhard Karls Universität Tübingen, 72074 Tübingen

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