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Forum Labor- und Qualitätsmanagement

Update für Entscheider: Firmenhierarchie, Arbeitsrecht und das Labor der Zukunft

| Autor: Christian Lüttmann

Strenge Hierarchie oder flexibles Arbeiten – Führungskräfte haben es in der Hand, wie es in ihrem Unternehmen läuft. Die Frage ist, in welcher Hand. Was die Beidhändigkeit bei der Unternehmensführung bedeutet, war eines von vielen Themen beim Forum Labor- und Qualitätsmanagement. Wir waren am 3. September 2019 für Sie vor Ort und haben außerdem erfahren, welche Fallstricke beim Arbeitszeitrecht lauern und wie Roboter im Labor der Zukunft helfen.

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Beim Forum Labor- und Qualitätsmanagement von Klinkner und Partner treffen sich Entscheider zur Weiterbildung und zum Erfahrungsaustausch.
Beim Forum Labor- und Qualitätsmanagement von Klinkner und Partner treffen sich Entscheider zur Weiterbildung und zum Erfahrungsaustausch.
(Bild: LABORPRAXIS, C. Lüttmann)

Mainz – Jedes Jahr versammelt der Schulungsanbieter Klinkner und Partner Fachleute zum Thema Labor- und Qualitätsmanagement. Bei der zweitägigen Veranstaltung referierten die Gäste unter anderem über die Herausforderungen der Unternehmensstrukturierung, die oft übertretenen Grenzen des Arbeitszeitgesetzes und die vielfältigen Möglichkeiten der Laborautomation. LABORPRAXIS hat sich am ersten Veranstaltungstag mit ins Plenum gesetzt und einige spannende Einblicke für Sie zusammengeschrieben.

Von Händigkeit zur Unternehmensführung

Prof. Dr. Wolfgang Appel von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes referiert über Beidhändigkeit in der Unternehmensführung.
Prof. Dr. Wolfgang Appel von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes referiert über Beidhändigkeit in der Unternehmensführung.
(Bild: LABORPRAXIS, C. Lüttmann)

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Die meisten Menschen sind Rechtshänder. Nur etwa jeder Zehnte bevorzugt die linke Hand beim Schreiben oder anderen Tätigkeiten. Und es gibt ein paar wenige, die mit beiden Händen gleich gut zurechtkommen. „Versuchen Sie einmal, einen Satz mit Ihrer schwachen Hand zu schreiben. Wie ist das für Sie?“, fragt Prof. Dr. Wolfgang Appel in seinem Workshop beim Forum Labor- und Qualitätsmanagement von Klinkner und Partner. Die Antworten der Teilnehmer sind vielseitig. „Ungewohnt“, „Wie in der ersten Klasse beim Schreiben lernen“, „Man verweigert sich“, „Man ist motiviert, es zu schaffen“, oder ganz nüchtern: „Es geht“.

Mit diesem einfachen Experiment leitet Appel zu dem Spannungsfeld in der Unternehmensführung über: Hierarchie vs. Agiles Netzwerk bzw. Routine vs. Veränderung. Denn so unterschiedlich, wie die Teilnehmer mit dem ungewohnten Schreiberlebnis umgehen, so verschieden reagieren auch Mitarbeiter auf Veränderungen im Unternehmen. Oft sind solche strukturellen Wandel aber notwendig, um die Zukunft einer Firma zu sichern. Und dann ist die letztgenannte Erkenntnis der Teilnehmer hervorzuheben: „Es geht“.

Hierarchie vs. Agiles Netzwerk

Doch warum sind wir oft so reserviert gegenüber Veränderung? Die Probleme und Krisen, mit denen wir heutzutage konfrontiert sind, sind laut Appel viel komplexer als früher. Bei dem Bauprojekt Stuttgart 21 waren die Fronten noch relativ leicht zu erkennen: Anwohner demonstrierten gegen die Projektleiter der Deutschen Bahn. Für aktuelle Krisen wie Flüchtlingskrise und Klimawandel gibt es nicht mehr einzelne Verantwortliche. Das schüre Ängste und der Wunsch nach Sicherheit wachse, führt Appel aus.

Im Berufsleben können Hierarchien diese Sicherheit bieten. „Hierarchie entlastet den einzelnen von Verantwortungsdruck“, fasst Appel zusammen. Doch hierarchische Unternehmensstrukturen sind nicht in allen Fällen geeignet. Gerade in Forschung und Entwicklung ist ein hohes Maß an Agilität wichtig. Diese Gegenpole lassen sich durch das Bild der Händigkeit verdeutlichen. Die eine Hand ist die Hierarchie, die Prozessoptimierung und Routine - die andere Hand ist das agile Netzwerk, das Neuentdecken und die Veränderung.

Beide Seiten haben ihre Berechtigung. Und wie bei der Händigkeit ist derjenige im Vorteil, der beide an den richtigen Stellen einsetzt. Da viele Unternehmen historisch bedingt sehr hierarchisch strukturiert sind, geht der angestrebte Weg meist in Richtung mehr Flexibilität. Manchmal muss man die Arbeitnehmer dann zu ihrem Glück zwingen, und hoffen, dass auch sie erkennen: „Es geht.“ Oder man lässt die Zeit für sich arbeiten. „Wir sind mit unseren Umstrukturierungsplänen bei einem Angestellten auf Granit gestoßen und haben entschieden, einfach noch das eine Jahr zu warten“, berichtet einer der Teilnehmer. „Dann ist er in Rente gegangen und wir konnten die Veränderungen mit dem Rest der Belegschaft problemlos umsetzen.“

Freiheit und Fallstricke bei der Arbeitszeit

Rechtsanwalt Frank Gust klärt über Tücken im Arbeitszeitrecht auf.
Rechtsanwalt Frank Gust klärt über Tücken im Arbeitszeitrecht auf.
(Bild: LABORPRAXIS, C. Lüttmann)

Wenn man über Veränderungen im Arbeitsleben spricht, ist die zunehmend flexible Arbeitszeitgestaltung ein Thema. Gleitzeit ist für viele längst selbstverständlich, und auch Möglichkeiten zum Homeoffice oder mobilen Arbeiten nehmen zu. Welche rechtlichen Fallstricke sich daraus ergeben, zeigt Frank Gust auf.

„Im deutschen Arbeitszeitgesetz gibt es vier Beschränkungen: Die tägliche Höchstarbeitszeit, tägliche Ruhezeiten, Ruhepausen und das Verbot von Sonn- und Feiertagsarbeit“, erklärt der Rechtsanwalt. Die tägliche Höchstarbeitszeit beträgt acht Stunden, darf aber auf bis zu zehn Stunden erweitert werden. Voraussetzung dafür ist, dass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 48 Stunden in einem 24-Wochen-Zeitraum nicht überschritten wird. Damit ist es verboten, regelmäßig Montag bis Freitag je zehn Stunden zu arbeiten. Generell muss eigentlich jede Überschreitung der Höchstarbeitszeit von acht Stunden dokumentiert werden.

Die Realität sieht allerdings oft anders aus. Besonders im öffentlichen Dienst gibt es wenig Kontrollen und viele Verstöße gegen die Zeitvorgaben. Und das ist keine Bagatelle – laut Gesetz drohen Bußgelder von bis zu 15.000 Euro. Dass es überhaupt soweit kommt, ist jedoch eher die Ausnahme, bestätigt Gust. Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz fallen oft erst auf, wenn es schon zu spät ist. Wenn z.B. der Arbeitnehmer auf dem Nachhauseweg mit dem Auto verunglückt, wird geprüft, ob er in den vergangenen Tagen überarbeitet war.

Über Stunden und Überstunden

Tatsächlich ist das Einhalten des Arbeitsgesetzes komplexer als man denken mag, wie sich bei der Diskussion einiger Fallbeispiele aus dem Auditorium herausstellt. Insbesondere bei der Vertrauensarbeitszeit gibt es schnell Schwierigkeiten. Denn auch dort gilt die Höchstarbeitszeit von acht Stunden pro Tag. Streng genommen muss der Arbeitnehmer seine Überstunden zu Hause selbst nachhalten und die übermäßige Arbeitszeit von seinem Vorgesetzten unterzeichnen lassen. Und über zehn Stunden Homeoffice am Tag sind grundsätzlich verboten. Das ändert sich auch nicht, wenn der Arbeitnehmer von sich aus länger arbeiten möchte.

Auch wer nach einer 42-Stunden-Woche regelmäßig am Samstag für acht Stunden kellnern geht, verstößt gegen das Arbeitszeitgesetz. Denn alle Tätigkeiten werden für den Arbeitsschutz zusammengezählt. In diesem Beispiel käme man auf 50 statt der erlaubten 48 Arbeitsstunden im Wochendurchschnitt.

Was vielen ebenfalls unbekannt sein dürfte: Ungeforderte Überstunden müssen nicht vom Arbeitgeber bezahlt werden – jedenfalls nach Gesetz. In der Realität würde das wohl zu einem nachhaltig gestörten Arbeitsverhältnis führen.

Ausnahmen sind auch beim Arbeitszeitgesetz die Regel

Neben den sehr strengen Zeitbeschränkungen gibt es im Arbeitsgesetz aber zahlreiche Ausnahmen. Vom Gesetz ausgenommen sind z.B. Selbständige, Freiberufler, Geschäftsführer, Vorstände und Chefärzte. Zudem ist es in Ausnahmefällen zulässig, die maximale Tagesarbeitszeit von zehn Stunden zu überschreiten, wenn ein nicht zu unterbrechender Arbeitsauftrag läuft – beispielsweise eine länger als geplant laufende Synthese im Labor. Dies sollte aber tatsächlich auch eine Ausnahme bleiben, sagt Gust.

Dienstreisen sind allerdings keine Ausnahme vom Arbeitszeitgesetz: Diese gelten als Arbeitszeit und dürfen nicht zum Überschreiten der 10-Stunden-Tagesgrenze führen – vorausgesetzt, die Reise erfolgt mit dem Pkw. In der Bahn oder dem Flugzeug hat der Arbeitnehmer hingegen kein Anrecht auf Dienstzeit und damit auch kein Recht auf Bezahlung für diese Zeit. „Das Gesetz kennt nur Schwarz und Weiß – Arbeitszeit und keine Arbeitszeit. So etwas wie eine ‚belästigte Freizeit‘ gibt es dort nicht“, sagt Gust. Wie sich in der Diskussion mit den Teilnehmern herausstellt, haben viele Unternehmen hier aber ihre eigenen Vereinbarungen und vergüten die Reisezeit mit einer Pauschale oder sogar dem regulären Stundensatz. Eine gesetzliche Pflicht des Arbeitnehmers, die Reisezeit dann mit der Arbeit zu verbringen, entstehe dadurch aber nicht, betont Gust.

Roboter – von der Industrie ins Labor

Prof. Kerstin Thurow von der Universität Rostock zeigt, was heute schon mit Laborrobotern möglich ist.
Prof. Kerstin Thurow von der Universität Rostock zeigt, was heute schon mit Laborrobotern möglich ist.
(Bild: LABORPRAXIS, C. Lüttmann)

Zu all den Regularien des Arbeitsrechts muss sich Prof. Kerstin Thurow bei ihren beiden Laborhelfern keine Gedanken machen. Denn es sind Roboter. In ihrem „Labor der Zukunft“ entwickelt die Leiterin des Centers for Life Science Automation an der Universität Rostock Automationslösungen für Forschung und Entwicklung. „In der Industrie ist die Automation viel weiter fortgeschritten als im Labor“, sagt Thurow. Dies liegt u.a. daran, dass die Anforderungen in Laboren viel individueller sind und deutlich kleinere Probenchargen generiert werden als in der Industrie.

Vorreiterrolle in der Laborautomation nimmt das Bioscreening ein. Dort sind die Abläufe überwiegend identisch und die Prozesse verhältnismäßig einfach mit Robotik-Lösungen nachzubilden. Wesentlicher Bestandteil der heute verbreiteten Automatisierung im Screening ist die Mikrotiterplatte. Dank dieses Standards lassen sich Proben systemübergreifend bearbeiten.

Grundschritt jeder Automatisierung: Prozesse nachvollziehen

Um auch jenseits des Bioscreenings Automation zu ermöglichen, ist eine detaillierte Prozesserfassung im Vorfeld nötig. Dabei reicht es nicht, sich auf die vom Unternehmen erstellte Betriebsanweisung zu verlassen, wie Thurow sagt: „Wir schauen uns vor Ort genau an, wie ein Laborant den Prozess durchführt. Und spätestens nach fünf Minuten kommt dann von uns die Frage: ‚Was haben Sie da gerade gemacht? Das steht so nicht in Ihrer SOP.‘ Denn meistens führen die Mitarbeiter in ihrer Routine zusätzliche Schritte aus, wie Schütteln oder Klopfen der Probe, die in diesem Detailgrad gar nicht schriftlich festgehalten sind.“

Die Automatisierung erfolgt dann mittels verschiedener Robotertypen. Entweder durch ortsfeste Maschinen, oder durch mobile Roboter wie in dem Zukunftslabor in Rostock. Die Investition in ein Robotersystem ist dabei nicht unerheblich. Ob sich die Kosten von mehreren zehn- bis hunderttausend Euro lohnen, wird im Vorfeld durchgerechnet. Vorsicht sei Thurow zufolge bei Low-Cost-Robotern geboten, die schon für ein paar tausend Euro zu kaufen sind. Das Problem dabei: Die Software muss noch an den jeweiligen Prozess angepasst werden. Wer nicht umfassende Programmierkenntnisse mitbringt, muss dann teure Software nachkaufen, was den ursprünglichen Preisvorteil letztlich zunichtemacht.

Nicht schnell, aber ausdauernd

Bei einer Amortisierungszeit von maximal zwei bis drei Jahren sei eine Automatisierung lohnenswert, empfiehlt Thurow. In einem Fallbeispiel einer hat sich der tägliche Durchsatz an Mikrotiterplatten nach der Automatisierung von zwei auf Elf erhöht, schildert die Ingenieurwissenschaftlerin. Dass die Laborroboter schneller arbeiten als der Mensch, stimme aber oftmals nicht. „Der einzelne Prozess kann durchaus länger dauern, wenn ein Robotersystem ihn durchführt. Aber es gibt kein Arbeitszeitgesetz für Roboter, weshalb sie länger durcharbeiten können als Menschen und damit im Ergebnis mehr Proben am Tag schaffen.“

Strenge Vorgaben gibt es allerdings schon. Besonders in regulierten Prozessen haben Kunden sehr definierte Anforderungen an die Automationslösung. Thurow erinnert sich an einen Auftrag, bei dem der Kunde kein Stück von seiner SOP abweichen wollte. Jeder Schritt und jedes Gerät sollten genauso beibehalten werden. Die Lösung: „In der Betriebsanweisung war nicht vorgegeben, dass ein Mensch die Schritte auszuführen hat. Wir haben daher einen zweiarmigen Roboter programmiert, den Prozess durchzuführen. Das war mit den Forderungen des Kunden vereinbar“, sagt Thurow. So zeigt sich auch bei Automatisierungstechnik, dass Beidhändigkeit von Vorteil ist.

Am 26. September 2019 veranstaltet Klinkner und Partner das Forum Laborbau in Berlin, wo u.a. der Neubau des Landeslabors Berlin-Brandenburg besichtigt wird. Im vorigen Jahr hatten sich Laborplaner und Architekten das neu errichtete Biozentrum I der Uni Mainz angesehen:

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Über den Autor

 Christian Lüttmann

Christian Lüttmann

Volontär, Vogel Communications Group GmbH & Co. KG