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Normen Vergleichbar bleiben – Normen für Laboranwendungen und Laborgeräte

| Autor / Redakteur: Das Gespräch führte LP-Chefredakteur Marc Platthaus / Dr. Ilka Ottleben

Welche Vorteile sich für Anwender von Normen ergeben und wie diese entstehen erläutert Dr. Burkhard Winter im LABORPRAXIS-Exklusivinterview.

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(Bilder: DIN Normenausschuss Labor)
(Bilder: DIN Normenausschuss Labor)

LABORPRAXIS: Was sind Normen und wofür benötigt man sie?

Dr. Burkhard Winter: Normen sind privatwirtschaftlich in Gremien erarbeitete Empfehlungen, deren Anwendung jedermann freigestellt ist. Sie geben dem Anwender der Norm Hilfestellung, wie bestimmte Aufgaben am besten bewältigt werden können, z.B. zur Durchführung analytischer Messungen oder bei der Konstruktion von Laboreinrichtungen wie Abzügen.

LABORPRAXIS: Welche Vorteile hat der Anwender von der Norm?

Dr. Winter: Bleiben wir bei den beiden eben genannten Beispielen. Genormte Analysenverfahren haben den unschätzbaren Vorteil, dass solche Analysenergebnisse vergleichbar werden, die zu unterschiedlichen Zeiten oder in ganz verschiedenen Laboratorien rund um den Globus erzielt wurden. Zumeist ist das Analysenergebnis ja kein Selbstzweck, sondern muss bewertet oder mit einem Sollwert verglichen werden. Eine solche Bewertung, sei es im Bereich der Umweltchemie oder der Pharmaqualitätskontrolle, macht nur Sinn, wenn die Analysenergebnisse in identischer Weise zustande gekommen sind. Produktnormen, z.B. für Laboreinrichtungen, bieten dem Produkthersteller Vorteile bei seiner Produkthaftung, denn fast alle „in den Verkehr gebrachten“ Produkte müssen gesetzlichen Anforderungen genügen. Die Norm präzisiert die allgemein gehaltenen Anforderungen der jeweils zutreffenden Gesetze (z.B. GPSG oder Eichrecht) und schlägt dem Hersteller vor, wie diese Anforderungen in der Praxis umgesetzt werden können. Außerdem vereinfacht die Norm ganz wesentlich die Dokumentationspflichten des Produzenten, z.B. bei einer CE- oder GS-Kennzeichnung.

LABORPRAXIS: Gibt es Grundsätze für die Erstellung von Normen?

Dr. Winter: Es gibt zahlreiche Grundsätze, wie demokratische Legitimation der Normung, Transparenz bei der Erstellung von Normen und Wirtschaftlichkeit des Norminhalts. Zusätzlich haben sich Normenorganisationen wie ISO (internationale Normen), CEN (europäische Normen) und DIN (nationale deutsche Normen) ein umfangreiches Regelwerk auferlegt, das im Detail auf den jeweiligen Internetseiten eingesehen werden kann. Ein wichtiger Grundsatz ist, dass bei der Erstellung einer Norm alle am Norminhalt „interessierten Kreise“ im zuständigen Arbeitsausschuss vertreten sein müssen. Bei Normen für Laboreinrichtungen bedeutet dies, dass Hersteller, Anwender aus den Labors, Laborbetreiber, Laborplaner, Prüfhäuser für die Einrichtung, Forschungsinstitute und zuständige Behördenvertreter am runden Tisch sitzen und sich auf den Norminhalt einigen müssen.

LABORPRAXIS: Sie erwähnten Transparenz als wichtigen Normungsgrundsatz. Wie setzen Sie das in der Praxis um?

Dr. Winter: Wir haben ein ganzes Bündel von Maßnahmen. Jedes neue Normprojekt wird einige Wochen auf der Internetseite unseres Normenausschusses www.fnla.din.de angezeigt. Auch das gesamte Arbeitsprogramm mit jeweils zuständigem Ausschuss kann dort eingesehen werden. Es ist keine Registrierung erforderlich. Vor dem Erscheinen einer Norm muss ein Entwurf veröffentlicht werden, der gleichfalls auf unserer Internetseite angezeigt wird und über das „Normentwurfsportal“ des DIN kostenfrei eingesehen und kommentiert werden kann. Alle drei Jahre auf der Achema stellen wir unsere aktuellen Normungsarbeiten im Kongressprogramm vor.

LABORPRAXIS: Welche Normen sind für Laborgeräte und Laboreinrichtungen besonders wichtig?

Dr. Winter: Die Arbeit unseres Normenausschusses gliedert sich in drei Fachbereiche. Der älteste Fachbereich für Laborgeräte aus Glas wurde schon 1919 gegründet. Hier entstehen Normen zu allgemeinen Glasgeräten wie Bechergläsern, Erlenmeyerkolben und Exsikkatoren, die im Wesentlichen für das Zusammenpassen dieser Geräte sorgen. Das klingt trivial, aber jeder Laborant ärgert sich, wenn das Filterpapier nicht in den Glastrichter passt. Jüngste Norm ist die DIN EN ISO 6556 für Saugflaschen, die gerade zur öffentlichen Kommentierung bis Mitte November 2011 steht. Außerdem entstehen in diesem Fachbereich sehr wichtige Prüfnormen für Messgeräte aus Glas, z.B. für Pipetten und Messkolben. DIN EN ISO 4787 beschreibt beispielsweise, wie das Volumen solcher Messgeräte geprüft werden kann. Im Fachbereich Laboreinrichtungen entstehen wichtige Planungsnormen, z.B. DIN 1946-6 für die Lüftungstechnik von Laboratorien – der berühmte achtfache Luftwechsel je Stunde – und Normen, die der Sicherheit im Labor dienen, z.B. die siebenteilige Normenreihe DIN EN 14175 zu Laborabzügen. Im Fachbereich Laborgeräte gibt es z.B. Normen zu Laborthermostaten (DIN 12876, drei Teile), Wärmeschränken (DIN 12880), aber auch zu sehr innovativen Themen wie der Mikroverfahrenstechnik (DIN EN ISO 10991). Hier wird gerade mit einer Norm zur Prüfung der Druck- und Explosionssicherheit von Mikroreaktoren begonnen.

LABORPRAXIS: Wie haben sich die Normen im Laufe der Jahre entwickelt und verändert?

Dr. Winter: Naja, sie sind dicker geworden. Politik und einige Verbände verlangen publikumswirksam, Normen müssten leichter verständlich geschrieben werden, damit ihre Anwendung durch kleine und mittlere Unternehmen erleichtert wird. In einigen Fällen mag das ja auch zutreffen. Aber 98% der in unserem Normenausschuss mitwirkenden Unternehmen sind selbst so genannte SMEs (small and medium enterprises) in der Terminologie der Europäischen Kommission. Die Konstrukteure in diesen Unternehmen haben unsere Normen schon immer verstanden. Auch die Laboranten in unseren analytischen Labors sind gut ausgebildet und verstehen die genormten Analysenverfahren sehr wohl. Wichtiger ist, dass heute fast 80% aller DIN-Normen für Labors weltweite (ISO) und europaweite (EN) Gültigkeit haben. Das war vor 15 Jahren ziemlich genau umgekehrt: nur 20% der Normen hatten die Bezeichnung „DIN EN ISO“, 80% der Normen waren auf den Einflussbereich des DIN, also Deutschland, beschränkt. Mit der Übernahme der Sekretariate für die ISO- und CEN-Normung von Laborausrüstung durch unseren DIN-Normenausschuss haben wir wichtige Weichen gestellt und unterstützen die stark exportorientierten deutschen Unternehmen unserer Branche.

Vielen Dank für das Gespräch Herr Dr. Winter.

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