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Frauen in der Wissenschaft Wie entwickelt sich der Anteil an Forscherinnen und Professorinnen?

Redakteur: Christian Lüttmann

Die Hälfte aller Deutschen ist weiblich. Doch in den Wissenschaften ist längst nicht jede zweite Person eine Frau. Besonders bei höheren Karrierestufen wie Promotion und Habilitation klaffen die Anteile von Männern und Frauen noch immer auseinander. Wie groß die Lücke ist, zeigt der aktuelle Bericht „Frauen in Hochschulen und außerhochschulischen Forschungseinrichtungen“ der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz GWK.

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Die Aussichten für Frauen in der Wissenschaft werden besser. Aber noch ist Chancengleicheit weit entfernt (Symbolbild).
Die Aussichten für Frauen in der Wissenschaft werden besser. Aber noch ist Chancengleicheit weit entfernt (Symbolbild).
(Bild: gemeinfrei, ThisisEngineering RAEng / Unsplash)

Bonn – In den Naturwissenschaften haben sich einige Personen mit ihrer Forschung derart hervorgetan, dass ihre Namen heute weithin bekannt und ihre Arbeit weltweit gewürdigt ist: Darwin, Röntgen, Planck, Curie, Einstein, Bohr, Schrödinger, Heisenberg, Hawking, um nur einige Beispiele zu nennen. In dieser Liste fällt eine Besonderheit auf: Marie Curie ist dort als einziges Beispiel einer historisch bekannten Forscherin aufgeführt. Dies verdeutlicht einen Missstand, der in den Naturwissenschaften bis heute aus der Historie heraus erkennbar ist: Es gibt deutlich weniger Forscherinnen als Forscher – jedenfalls bei den höheren Abschlüssen wie Promotion und Habilitation.

Fortschritte, wenn auch langsam

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich allerdings schon einiges getan, wie der Bericht „Frauen in Hochschulen und außerhochschulischen Forschungseinrichtungen“ von der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz GWK zeigt. Auch im aktuellen Auswertungsjahr 2019 ist der Anteil von Wissenschaftlerinnen sowohl bei den Hochschulen als auch bei den außerhochschulischen Forschungseinrichtungen angestiegen. Die Fortschritte in allen Bereichen erfolgen allerdings nur langsam, weshalb die Autoren des Berichtes weiterhin Handlungsbedarf sehen.

Bei einem Vergleich zu den Daten der letzten zehn Jahre (2009-2019) ergibt sich immerhin eine Steigerung der Frauenquote in den MINT-Fächern und in den Fächergruppen Sprach- und Kulturwissenschaften/Geisteswissenschaften und Humanmedizin/Gesundheitswissenschaften. So hat sich von 2009 bis 2019 der Anteil von Frauen an der Gesamtzahl wie folgt erhöht:

  • von 49,9 % auf 51,8 % (+1,9 %) bei den Erstimmatrikulationen
  • von 51,4 % auf 52,0 % (+0,6 %) bei den Studienabschlüssen
  • von 44,1 % auf 45,4 % (+1,3 %) bei den Promotionen
  • von 23,8 % auf 31,9 % (+8,1 %) bei den Habilitationen

Zur Einordnung: der Frauenanteil in Deutschland lag im Jahr 2019 bei 50,7 %.

Wenig Frauen oben auf der Karriereleiter

Die oben gelisteten Daten verdeutlichen aber auch ein noch immer herrschendes Ungleichgewicht: mit jeder weiteren Qualifikations- und Karrierestufe nach dem Studienabschluss sinkt der Anteil von Frauen. In der grafischen Darstellung von Männer und frauenanteil in verschiedenen wissenschaftlichen Karrierestufen ergibt sich ein Bild ähnlich eines halboffenen Reißverschlusses (s. u.): Während bei Studienanfängern bis hin zu den Absolventen bereits Parität erreicht oder fast erreicht ist, klaffen die Anteile von Frauen und Männern spätestens bei der Karrierestufe der Habilitation deutlich auseinander. Durch diese „leaky pipeline“ geht erhebliches weibliches Qualifikationspotential für das Wissenschaftssystem verloren, bemängeln die Autoren.

Die Grafik zeigt den Frauenanteil in der Wissenschaft in den Jahren 1992 und 2019. Von links nach rechts sind die Quoten in zunehmend höheren Karrierestufen dargestellt.
Die Grafik zeigt den Frauenanteil in der Wissenschaft in den Jahren 1992 und 2019. Von links nach rechts sind die Quoten in zunehmend höheren Karrierestufen dargestellt.
(Bild: Daten: GWK; Collage: LABORPRAXIS)

Zwar ist auch der Anteil der Professorinnen an Hochschulen Zeitraum zwischen 2009 und 2019 kontinuierlich von 18,0 % auf 25,6 % angestiegen, dennoch zeigt sich weiterhin Verbesserungsbedarf, denn eine differenzierte Betrachtung nach Besoldungsgruppen ergibt nach wie vor: je höher die Besoldungsgruppe, desto niedriger der Anteil von Frauen. Der Anteil der W1-Professorinnen an den Hochschulen insgesamt liegt bei 47,0 %, der C3/W2-Professorinnen bei 26,3 % und der C4/W3-Professorinnen nur noch bei 21,2 %.

Auch außerhochschulische Einrichtungen im Blick

Der GWK-Bericht analysiert nicht nur die Frauenanteile in den Hochschulen, sondern auch in den außerhochschulischen Forschungseinrichtungen. Der Frauenanteil an Führungspositionen bei der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Leibniz-Gemeinschaft ist im Vergleichszeitraum von 2010 bis 2020 von 11,0 % auf 20,5 % gewachsen. Damit stieg er mit ähnlichen Wachstumsraten wie an den Hochschulen, allerdings auf niedrigerem Niveau und mit organisationsspezifischen Unterschieden.

Der Datenfortschreibung angefügt ist eine Sonderauswertung des Kompetenzzentrums Frauen in Wissenschaft und Forschung (CEWS), die anlässlich der 25. Datenfortschreibung einen bilanzierenden Rückblick auf 25 Jahre Geschlechtergleichstellung in der Wissenschaft liefert. Dort weisen die Autoren u. a. auf die ungleiche Bezahlung von Professorinnen und Professoren hin. So ergab eine Studie in Nordrhein-Westfalen einen Gehaltsunterschied (brutto) von 7,7 % zugunsten der Professoren.

Förderprogramme bleiben wichtig

Insgesamt belegt die aktuelle Datenerhebung der GWK, dass es weiterhin sowohl im Bereich der Hochschulen als auch bei den außerhochschulischen Forschungseinrichtungen dringenden Handlungsbedarf gibt, um die Umsetzung von Chancengleichheit auf struktureller Ebene noch stärker voranzutreiben und damit insbesondere die höhere Repräsentanz von Frauen in Führungspositionen zu erreichen. Hierzu hatte die Deutsche Forschungsgemeinschaft bereits 2008 Gleichstellungsstandards beschlossen, mit dem so genannten Kaskadenmodell als Leitgedanke. Es basiert auf der Idee, dass sich die Zielwerte auf jeder Karrierestufe an den Istwerten der darunter liegenden Karrierestufe orientieren sollten. Auch das Professorinnenprogramm des Bundes und der Länder, das 2018 mit einer dritten Programmphase startete, ist ein Beispiel für eine erfolgreiche spezifische Fördermaßnahme zur Erhöhung der Chancengerechtigkeit im Wissenschaftssystem. Entsprechende Förderprogramme in den Ländern wirken in die gleiche Richtung.

Zumindest hat seit 2020 die Liste berühmter Wissenschaftspersönlichkeiten einen weiteren weiblichen Eintrag bekommen – und das gleich im Doppelpack. Die Biochemikerinnen Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier haben mit dem Nobelpreis für das CRISPR/Cas9-System eine große mediale Aufmerksamkeit erhalten und so das Bild der Wissenschaftlerin in der Öffentlichkeit weiter gestärkt.

Frauenanteil bei den Nobelpreisen
Frauenanteil bei den Nobelpreisen
(Bild: Statista)

Damit treten Doudna und Charpentier quasi in die Fußstapfen von Marie Curie, die 1903 als erste Frau den Nobelpreis bekam. Bis 2020 erhielten nur 55 andere Frauen diese Auszeichnung. 782 Nobelpreise wurden an Männer verliehen. Auch hieran zeigt sich, dass noch ein langer Weg zur Chancengleichheit zu bewältigen ist.

Originalpublikation: Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK): Chancengleichheit in Wissenschaft und Forschung, 25.Fortschreibung des Datenmaterials (2019/2020) zu Frauen in Hochschulen und außerhochschulischen Forschungseinrichtungen, „Materialien der GWK“, Heft 75

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