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Harmlos oder Hormonstörung?

Zu viel trinken – wann ist es krankhaft?

| Autor / Redakteur: Iris Mickein* / Dr. Ilka Ottleben

Literweises Trinken kann in seltenen Fällen durch eine Erkrankung verursacht sein. Mit einem neuen Test lässt sich schnell klären, ob ein Hormonmangel vorliegt.
Literweises Trinken kann in seltenen Fällen durch eine Erkrankung verursacht sein. Mit einem neuen Test lässt sich schnell klären, ob ein Hormonmangel vorliegt. (Bild: ©kieferpix - stock.adobe.com)

Viel trinken gilt gemeinhin als gesund, doch wann ist viel zu viel? Und ist literweises Trinken nur eine (schlechte) Angewohnheit oder vielleicht krankhaft? Ein neues Verfahren ermöglicht nun eine schnelle und zuverlässige Diagnose, ob eine übermäßige Flüssigkeitsaufnahme harmlos ist oder eine Hormonstörung vorliegt.

Basel/Schweiz – Eine Trinkmenge von über drei Litern pro Tag mit entsprechend vermehrter Urinausscheidung gilt als zu viel. Dieses literweise Trinken – „Polydipsie-Polyurie-Syndrom“ genannt – ist meistens mit der Zeit durch Gewohnheit entstanden oder eine Begleiterscheinung einer psychischen Krankheit.

Literweises Trinken: Hormonmangel als Ursache

In seltenen Fällen kann aber auch ein Diabetes insipidus vorliegen. Bei dieser Krankheit fehlt in der Hirnanhangdrüse das Hormon Vasopressin, welches in unserem Körper den Wasser- und Salzgehalt reguliert. Die Patienten können den Urin nicht konzentrieren, verlieren deshalb große Mengen an Flüssigkeit und müssen entsprechend viel trinken, um nicht auszutrocknen.

Die Unterscheidung zwischen einer „harmlosen“, auch primär genannten Polydipsie und einem Diabetes insipidus ist äußerst wichtig, da sich die Therapie grundsätzlich unterscheidet. Ein Diabetes inipidus muss mit dem Hormon Vasopressin behandelt werden, während Patienten mit der primären Polydipsie verhaltenstherapeutisch begleitet werden mit dem Ziel, die Trinkmenge zu reduzieren. Eine falsche Therapie kann lebensbedrohliche Folgen haben, da eine Therapie mit Vasopressin ohne Indikation zu einer Wasservergiftung führen kann.

Bluttest statt Durstversuch bei übermäßigem Trinken

Bisher erfolgte die Unterscheidung mittels eines „Durstversuchs“, bei dem der Patient während 16 Stunden keine Flüssigkeit zu sich nehmen durfte und die Ärzte die Konzentration des Urins interpretierten. Dieser Test war aber oft irreführend und führte nur in etwa der Hälfte aller Fälle zu einer klaren und richtigen Diagnose. Zudem ist ein 16-stündiges Dursten für die Patienten äusserst unangenehm und belastend.

Eine Studie mit rund 150 Patienten an 11 Kliniken verglich nun den herkömmlichen Durstversuch mit einer neuen diagnostischen Methode. Diese besteht aus einer zweistündige Infusion mit einer hypertonen Salzlösung; anschließend wird im Blut der Patienten die Konzentration des Biomarkers Copeptin gemessen, welches den Gehalt des Hormons Vasopressin im Blut widerspiegelt.

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Verbesserte Diagnose und Therapie

Diese Methode hat eine viel höhere diagnostische Treffsicherheit: 97 Prozent aller Patienten konnten damit richtig diagnostiziert und schnell entsprechend behandelt werden. Der neue Test steht für die klinische Praxis ab sofort zur Verfügung.

Die Studie von Dr. Julie Refardt vom Universitätsspital Basel (USB) und Dr. Wiebke Fenske von der Universität Leipzig entstand unter der Leitung von Prof. Dr. Mirjam Christ-Crain, Leiterin des Departements Klinische Forschung der Universität Basel und des USB.

Originalpublikation: Wiebke Fenske, Julie Refardt, Irina Chifu, Ingeborg Schnyder, Bettina Winzeler, Juliana Drummond, Antônio Ribeiro-Oliveira Jr, Tilman Drescher, Stefan Bilz, Deborah R. Vogt, Uwe Malzahn, Matthias Kroiss, Emanuel Christ, Christoph Henzen, Stefan Fischli, Anke Tönjes, Beat Mueller, Jochen Schopohl, Jörg Flitsch, Georg Brabant, Martin Fassnacht, and Mirjam Christ-Crain: A Copeptin-Based Approach in the Diagnosis of Diabetes Insipidus; The New England Journal of Medicine (2018), doi: 10.1056/NEJMoa1803760

* I. Mickein: Universität Basel, 4001 Basel/Schweiz

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