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Millionenschweres Verbundprojekt in der Entzündungsforschung Chronische Entzündungskrankheiten – auf dem Weg zur individualisierten Therapie

| Autor / Redakteur: Dr. Tebke Böschen* / Dr. Ilka Ottleben

Chronische Entzündungskrankheiten betreffen zehn Prozent der Bevölkerung in Europa. Sie führen häufig zu einem erheblichen Leidensdruck und Verlust der Lebensqualität und sind derzeit nicht heilbar. Mit dreien von Ihnen – chronisch entzündliche Darmerkrankungen, systemischer Lupus erythematodes und rheumatoide Arthritis – befasst sich seit diesem Jahr ein neues Verbundprojekt, das nun eine Förderung in zweistelliger Millionenhöhe erhielt.

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Philip Rosenstiel, Exzellenzcluster Entzündungsforschung, Professor für Molekulare Medizin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie, Medizinische Fakultät der CAU und Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel.
Philip Rosenstiel, Exzellenzcluster Entzündungsforschung, Professor für Molekulare Medizin an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie, Medizinische Fakultät der CAU und Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel.
(Bild: Dr. Tebke Böschen/Uni Kiel)

Kiel – Mit knapp 15 Millionen Euro unterstützt die Europäische Kommission das neue Förderprojekt von Professor Philip Rosenstiel vom Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Für eine Laufzeit von fünf Jahren verteilen sich die Fördermittel auf 15 Projektpartner, knapp drei Millionen Euro gehen nach Kiel. Das internationale Projektkonsortium von SYSCID („A Systems medicine approach to chronic inflammatory disease“ - Systemmedizin für chronisch entzündliche Erkrankungen) beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit drei Erkrankungen: chronisch entzündliche Darmerkrankungen, systemischer Lupus erythematodes und rheumatoide Arthritis.

Chronische Entzündungskrankheiten führen oft zum Verlust der Lebensqualität

Chronische Entzündungskrankheiten betreffen zehn Prozent der Bevölkerung in Europa. Sie führen häufig zu einem erheblichen Leidensdruck und Verlust der Lebensqualität und sind ein wichtiges, ungelöstes Problem in der Medizin. Die Krankheiten sind derzeit nicht heilbar und nur bei etwa der Hälfte der Betroffenen kann die Krankheit mit einem Medikament langfristig unterdrückt werden. Welcher Mensch auf welche Behandlung anspricht, kann mit den bisherigen Untersuchungsmethoden nicht vorhergesagt werden.

„Wir wollen in SYSCID molekulare Signaturen in Gewebe, Blut und Zellen finden, die schwere Krankheitsverläufe vorhersagen, so dass man die Therapie entsprechend frühzeitig auswählen und anpassen kann“, sagt Projektkoordinator Philip Rosenstiel, Vorstandsmitglied des Exzellenzclusters Entzündungsforschung.

Systematische Untersuchung der betroffenen Gewebe auf molekularer Ebene

Das Projekt SYSCID startete Anfang diesen Jahres und baut auf den Arbeiten innerhalb des Deutschen Epigenom Programms (DEEP) auf. Hier wurden die grundlegenden Prozesse untersucht, die Gene in Zellen „an- und ausschalten“ und so die Spezialisierung der Zellen, bestimmte Funktionen oder auch die Entstehung von Krankheiten steuern. Diese Steuerung erfolgt mittels chemischer Veränderungen der DNA, sogenannter epigenetischer Markierungen.

Auch die Kieler Wissenschaftler Professor Andre Franke und Professor Stefan Schreiber, beide ebenfalls vom IKMB, sind Partner im Projekt SYSCID. Das Konsortium mit 15 Partnern aus neun Ländern untersucht neben den epigenetischen Veränderungen systematisch weitere molekulare Ebenen im betroffenen Gewebe oder Blut, auch die Zusammensetzung der Darmflora wird in den großen Patientenkohorten durch SYSCID untersucht. Ziel ist es, die zugrundeliegende individuelle „Fehl-Programmierung“ der Gene zu verstehen und daraus Nutzen für eine präzise Diagnose und Therapie der Erkrankungen zu ziehen.

Maßgeschneiderte, individualisierte Therapien als Ziel

„In Zukunft werden wir durch diese Innovation das richtige Medikament zur richtigen Zeit auswählen können. Damit sind wir dem Wunsch einer maßgeschneiderten, individualisierten Therapie entscheidend näher gekommen, “ sagt Professor Stefan Schreiber, Projektpartner aus der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Kiel, und Medizinische Fakultät an der CAU.

In der Studie kommen auch neue Methoden zum Einsatz, durch die molekulare Profile von über 10.000 einzelnen Zellen parallel analysiert werden können. Diese neuen Verfahren könnten aussagekräftiger sein als bisher betrachtete Entzündungsmarker im Blut. Denn diese sind auch bei kleineren Entzündungen, Erkältungen oder Fieber erhöht und können somit nicht zweifelsfrei zugeordnet werden.

In einem experimentellen Teil soll außerdem versucht werden, krankmachende epigenetische Veränderungen zu korrigieren. „Wir gehen heute davon aus, dass Krankheitsmanifestation und Krankheitsverlauf mit langfristigen epigenetischen Veränderungen zusammenhängen. Da liegt es nahe, den individuellen Krankheitsverlauf zu verändern, indem wir bei der Ursache ansetzen“, so Rosenstiel.

* Dr. T. Böschen: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, 24098 Kiel

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