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Umfrage zeigt Herausforderungen und Lichtblicke für die deutsche Chemie Krieg, Corona, Klimawandel – wie erlebt die Chemieindustrie die Krisen?

Wie nehmen Chemie-Manager die aktuelle Lage im Zeichen von Ukraine-Krieg und Pandemie wahr? Welchen Stellenwert haben die Herausforderungen von Digitalisierung und Klimawandel für die Unternehmen? Und wie ist es um die Attraktivität des Chemiestandorts Deutschland bestellt? Diese und weitere Fragen behandelt die aktuelle Veröffentlichung des CHE-Monitors von Camelot.

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Wie krisenfest ist die deutsche Chemie-Industrie? Eine Umfrage unter Chemie-Managern gibt Einblicke (Symbolbild).
Wie krisenfest ist die deutsche Chemie-Industrie? Eine Umfrage unter Chemie-Managern gibt Einblicke (Symbolbild).
(Bild: Maha Heang 245789 - stock.adobe.com)

Mannheim, Basel/Schweiz (ots) – Der seit 24. Februar andauernde Ukraine-Krieg und die Diskussionen um ein Gas-Embargo gegen Russland treffen die deutsche Chemie zu einer Zeit, in der sie ohnehin vor riesigen Herausforderungen steht. Für ein Stimmungsbild befragte das Forschungsinstitut Innofact mehr als 200 Entscheider der deutschen Chemiebranche aus Großkonzernen sowie mittelständischen Chemieunternehmen als Teil des 38. CHE-Monitor-Trendbarometers.

Ein zentrales Ergebnis: Drei Viertel der befragten Chemiemanager schätzen die mit der aktuellen Situation verbundenen Risiken als geschäftskritisch ein. Die größte Sorge bereiten die Preissteigerungen bei Gas und Strom. Trotz der aktuellen Krise fokussiert sich die deutsche Chemie eher auf zukunftsrelevante als auf existenzsichernde Maßnahmen. Auftraggeber der Umfrage waren das Beratungsunternehmen Camelot Management Consultants und die Fachzeitung CHE-Manager.

„Die chemische Industrie steht vor einer dramatischen Herausforderung mit außer Kontrolle geratenen Rohstoffmärkten und Logistikressourcen auf der einen Seite und nachgebenden Absatzmärkten auf der anderen Seite. Risikomanagement für resiliente Wertschöpfungsketten heißt das Gebot der Stunde“, kommentiert Dr. Josef Packowski, Managing Partner bei Camelot.

Für die Zukunft wappnen

Für 75 % der CHE-Monitor-Teilnehmer sind die aktuellen Herausforderungen ungewöhnlich und mit geschäftskritischen Risiken verbunden. „Verantwortliche müssen jetzt vorausschauende Simulationsszenarien entwickeln, Risiken in den Versorgungsketten proaktiv quantifizieren und Entscheidungshilfen liefern, damit sie bereits heute wissen, wie sie die Lieferketten für die Zukunft – jede Zukunft – widerstandsfähig machen können“, sagt Packowski. Die meisten Unternehmen scheinen dieser Ansicht zu folgen: insgesamt 73 % der Befragten legen den Fokus eher auf zukunftsrelevante Maßnahmen. Hier ist allerdings die veränderte Einstellung durch den Ukraine-Krieg deutlich zu erkennen: Bei Teilnehmern, die vor dem 24. Februar befragt wurden, ist der Anteil mit zukunftsrelevantem Unternehmensfokus noch bei 79 %, nach dem 24. Februar geben nur noch 64 % diese Antwort. Dementsprechend stieg die Einschätzung, eher existenzsichernde Maßnahmen im Unternehmen durchzuführen, von 21 auf 36 %.

Digitaler Wandel als größte Herausforderung

Unabhängig von der aktuellen Unsicherheit und der Belastung durch hohe Rohstoffpreise sind Chemieunternehmen derzeit mit vielen kurz- oder mittelfristig wirksamen Herausforderungen konfrontiert. Am häufigsten nannten die Chemiemanager dabei den digitalen Wandel (86 %). Diese Herausforderung kann aber euch eine Chance sein. „Die Ukraine-Krise könnte nach der Coronapandemie der zweite Beschleuniger für die Digitalisierung der Unternehmen werden“, sagt Dr. Jörg Schmid, CHE-Monitor-Studienleiter bei Camelot. „Im Fokus steht dabei sowohl die Vorsorge und Abwehr von Cyber-Attacken als auch die Unterstützung kurzfristiger Entscheidungsprozesse durch eine erhöhte Transparenz über relevante Ressourcen.“

Neben dem digitalen Wandel werden auch die anhaltende Pandemie (83 %) und die Disruption globaler Lieferketten (80 %) als große Herausforderungen wahrgenommen. Politische Krisen (58 %) hatten direkt vor Kriegsbeginn nur ein Drittel der Umfrage-Teilnehmer auf der Agenda; nach dem 24. Februar sahen 96 % der befragten Chemie-Manager ihr Unternehmen von politischen Krisen betroffen.

Prioritäten der chemischen Industrie

Der Ukraine-Krieg veränderte auch den wahrgenommenen Einfluss von Klimawandel und Energiewende auf die Chemiebranche. Hiervon sahen vor Kriegsbeginn noch 77 % der Befragten ihr Unternehmen betroffen, danach sank der Anteil deutlich auf nur noch 59 %. Womöglich wurde der Klimawandel in Anbetracht der akuten Folgen durch den Ukrainekrieg als weniger drängend wahrgenommen.

Entsprechend weit abgeschlagen ist das Thema Kilmaschutz bei der Frage nach den primären Zielen für die kommenden zwölf Monate. Hier sehen nur 19 % aller Umfrage-Teilnehmer den Fokus. Am wichtigsten sind aus Sicht der befragten Chemie-Manager die Digitalisierung (63 %) gefolgt von der Erschließung neuer Märkte (56 %) sowie der Absicherung der Lieferketten (54 %).

Preisanstiege machen der Chemiebranche zu schaffen

Während in der Coronapandemie bereits Lieferengpässe zu Schwierigkeiten in der Chemieindustrie geführt haben, sind mittlerweile vor allem die gestiegenen Preise für Rohstoffe und Verbrauchsmaterialien das Hauptproblem der Branche. Drei Viertel (75 %) der Befragten geben an, dass ihr Unternehmen aktuell von Preissteigerungen auf der Beschaffungsseite betroffen ist.

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Engpässe in der Logistik sind immerhin für gut ein Drittel (36 %) der Befragten ein Thema, gefolgt von Engpässen in der Gas- und Energieversorgung (29 %) sowie in der Personalverfügbarkeit (28 %). Letzteres ist vor allem für kleinere Betriebe ein Problem, in denen Personalausfälle z. B. durch Corona-Erkrankungen schlechter kompensiert werden können. Fast jedes fünfte Unternehmen (19 %) ist laut der Umfrage zudem von zeitweisen Produktionsausfällen durch fehlende Rohstoffe betroffen.

Die Rohstoffverfügbarkeit ist tatsächlich auf einem „historischen Tiefstwert“ angekommen, wie es in der Umfrage betitelt wird. Nur 18 % bewerten sie in Deutschland als „gut“ oder „sehr gut“. Seit dem letzten Spitzenwert von 55 % im Oktober 2020 war der Wert mit jeder weiteren Umfrage gesunken.

Wie attraktiv ist Deutschland als Chemiestandort?

Als Standortfaktor für Deutschland spielt Rohstoffverfügbarkeit daher kaum noch eine Rolle, ebenso wie Arbeitskosten, Unternehmensbesteuerung und Energiekosten, die von den Chemiemanagern als noch schlechter bewertet werden. Starke Rückgänge in der Zufriedenheitsbewertung von Standortfaktoren haben laut der Umfrage auch die Aspekte Infrastruktur und Logistik (-14 Prozentpunkte) und Attraktivität des Marktes (-16 Prozentpunkte) erlitten. Doch nicht überall ist ein solcher Negativtrend zu verzeichnen. Aussichtsreich ist die Entwicklung im Bereich Digitalisierung. Hier bewerten die Umfrage-Teilnehmer dreimal so oft mit „gut“ oder „sehr gut“ wie noch in der vorherigen Umfrage im Oktober 2021 (Anstieg von 11 auf 33 %).

Als Hauptargumente für den Standort Deutschland nennen die Umfrage-Teilnehmer die Qualität von Forschung und Entwicklung und die Qualifikation von Arbeitnehmern (je zu 90 % mit „gut“ bzw. „sehr gut“ bewertet). Dies mag vielleicht ein Grund sein, warum die Befragten trotz der zahlreichen großen aktuellen Herausforderungen durch die Pandemie und den Ukraine-Krieg überwiegend optimistisch in die Zukunft blicken. So erwarten 65 %, dass die deutsche Chemieindustrie gestärkt aus den Krisenjahren hervorgehen wird. Bezogen auf das eigene Unternehmen nehmen sogar 85 % diese Haltung ein.

Die zugrundeliegende Umfrage

Für den aktuellen CHE-Monitor wurden Manager der deutschen Chemieindustrie von Mitte Februar bis Mitte März 2022 befragt. 60 % der Befragungsteilnehmer antworteten vor Kriegsbeginn, der Rest danach. Die Ergebnisse der Umfrage stehen auf der Homepage von Camelot zum Download zur Verfügung.

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