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Geschlechtsumkehr

Östrogen-Rückstände sorgen bei Amphibien für Geschlechtsumkehr

| Redakteur: Marc Platthaus

Medikamenten-Rückstände in Gewässern stellen eine immer größere Bedrohung für die Umwelt dar. Forscher am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben zusammen mit der polnischen Kollegen der Universität Wroclaw bei Amphibien Geschlechtsumwandlungen durch Pillen-Östrogene festgestellt.

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Die Wechselkröte (Bufo viridis) und ihre Kaulquappen können in ihrem Lebensraum Gewässer hormonell aktiven Substanzen (wie dem Pillen-Östrogen EE2) ausgesetzt sein.
Die Wechselkröte (Bufo viridis) und ihre Kaulquappen können in ihrem Lebensraum Gewässer hormonell aktiven Substanzen (wie dem Pillen-Östrogen EE2) ausgesetzt sein.
(Bild: Amaël Borzée)

Berlin – 17α-Ethinylestradiol (EE2) ist ein synthetisches Östrogen, das sehr häufig in Verhütungspillen verwendet wird, aber in der Umwelt natürlicherweise nicht vorkommt. Da es in Kläranlagen nur unvollständig abgebaut wird, kann es in biologisch relevanten Konzentrationen in die Gewässer gelangen. Der Evolutionsbiologe Dr. Matthias Stöck, Leiter der Studie und Heisenberg-Stipendiat am IGB, sagt: „Amphibien sind solchen Beeinträchtigungen in der Umwelt nahezu ständig ausgesetzt. Nur, wenn wir überhaupt in der Lage sind, sie erfassbar zu machen, können wir sie langfristig auch verhindern.”

Amphibien-Arten reagieren unterschiedlich auf Östrogene

Die Empfindlichkeit gegenüber hormonell aktiven Substanzen wie EE2 ist nicht bei allen Amphibienarten gleich, so die Hypothese der Wissenschaftler; schließlich haben einige Arten hunderte Millionen Jahre getrennter Evolutionsgeschichte durchlaufen und verschiedene genetische Mechanismen ihrer Geschlechtsbestimmung evolviert. Daher hat das Forscherteam vom IGB und der Universität Wroclaw erstmals den Einfluss von EE2 auf die Entwicklung von drei verschiedenen Amphibienarten im gleichen Experiment getestet: Neben der Amphibien-Modellart, dem Afrikanischen Krallenfrosch (Xenopus laevis), wurden auch Kaulquappen des Laubfrosches (Hyla arborea) und der Wechselkröte (Bufo viridis) in Wasser aufgezogen, welches unterschiedliche Konzentrationen von EE2 enthielt und mit Kontrollgruppen verglichen. Besonders war bei diesem Forschungsansatz, dass das genetische Geschlecht aller Arten mittels neuster molekularen Methoden festgestellt wurde. Zugleich untersuchten die Forscher die phänotypische Entwicklung der Geschlechtsorgane – also das äußere Erscheinungsbild und das Aussehen der Gewebe unter dem Mikroskop. Erst dieser Vergleich von genetischem und phänotypischem Geschlecht hat es ermöglicht, die Wirkung von EE2 vollständig zu erfassen.

Verweiblichung kann zum Aussterben führen

„Die Verweiblichung von Populationen kann neben anderen schädigenden Hormonwirkungen zum Aussterben von Amphibienarten beitragen,“ sagt Matthias Stöck. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass nach der Exposition mit EE2 bei allen drei Amphibienarten eine Geschlechtsumkehr von genetisch männlichen zu weiblichen Tieren auftritt; dabei reicht der Anteil von 15 bis zu 100 Prozent. Die drei Arten reagieren jedoch unterschiedlich empfindlich. IGB-Forscher Prof. Werner Kloas, Co-Autor der Studie, ist ein international renommierter Ökotoxikologe. Er sagt zu den Ergebnissen: „EE2 ist auch in unserem Wasserkreislauf enthalten und stellt, zusammen mit anderen östrogenartig wirkenden Stoffen nicht nur für Amphibien, sondern auch für uns Menschen eine ernstzunehmende Beeinträchtigung dar. Unsere Studie zeigt, dass der Afrikanische Krallenfrosch als Modellart sehr gut geeignet ist, um die Wirkung von hormonell aktiven Substanzen in der Umwelt zu erforschen. Die Wirkungen, die wir an dieser Tierart feststellen, lassen sich aber nicht ohne weiteres auf andere Amphibienarten übertragen.“ Für die Durchführung der Studie war die Zusammenarbeit mit der Universität Wroclaw in Polen essenziell. Die dortige Kooperationspartnerin, Prof. Maria Ogielska, erklärt: „Wir haben unsere jahrelangen Erfahrungen bei der Erforschung der Fortpflanzung von Amphibien, vor allem deren Entwicklungsbiologie, in das Projekt eingebracht.”

Doktorandin Stephanie Tamschick sagt: „Zusammen mit Studenten haben wir über drei Monate die Kaulquappen unter identischen Versuchsbedingungen aufgezogen. Neu war, dass wir bei allen Arten das genetische Geschlecht – also ob eine Kaulquappe genetisch männlich oder weiblich ist – ermittelt haben. Besonders dadurch konnte ich im Rahmen meiner Doktorarbeit feststellen, dass sich die verweiblichende Wirkung von EE2 so unterschiedlich bei den untersuchten Frosch- und Krötenarten auswirkt.“

Die Studie wurde durch eine Projektförderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für Dr. Matthias Stöck finanziert. Die Open-Access-Publikation wurde vom gleichnamigen Fond der Leibniz-Gemeinschaft unterstützt.

Originalpublikation: Tamschick S., Rozenblut-Kościsty B., Ogielska M., Lehmann A., Lymberakis P., Hoffmann F., Lutz I., Kloas W., Stöck M. (2016): Sex reversal assessments reveal different vulnerability to endocrine disruption between deeply diverged anuran lineages Scientific Reports 6: 23825 [DOI:10.1038/srep23825]

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