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Polen Polnische Biotechnologie- und Pharma-Industrie im Steigflug

| Autor / Redakteur: Margareta Dellert-Ritter* / Dipl.-Chem. Marc Platthaus

Die Entwicklung der Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten biotechnologischer und pharmazeutischer Unternehmen in Polen verläuft rasant. Dies ist maßgeblich bedingt durch die Tatsache, dass in der modernen Medizin die Therapien eine immer größere Rolle spielen, in denen die Potentiale der Molekularbiologie und Gentechnologie Einsatz finden.

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Im Bionanopark des Technologiepark Lodz forschen die Mitarbeiter neben der Wirkstoffforschung auch an biotechnologischen Lösungen für die Agrarindustrie.
Im Bionanopark des Technologiepark Lodz forschen die Mitarbeiter neben der Wirkstoffforschung auch an biotechnologischen Lösungen für die Agrarindustrie.
(Bild: Ageron Polska )

Die polnische Biotechnologie-Industrie befindet sich in einer guten Position. Über 70% aller F+E-Projekte in der Biotechnologie werden im Gesundheitswesen eingesetzt und stellen somit aktuell den größten Anteil an realisierten Projekten in Polen dar, Next-Generation-Entwicklungen in der Biopharmazie und personalisierten Medizin füllen die Pipelines der Unternehmen. Diese dynamische Entwicklung kann in ökonomische Erfolge umgesetzt werden, vorausgesetzt die Forschungsergebnisse werden schnellstmöglich implementiert, um innovative Produkte für den Weltmarkt herstellen zu können. Bisher fokussierten polnische Unternehmen dieser Branche hauptsächlich den lokalen Markt und den ehemaligen Ostblock, jetzt ist globales Agieren angesagt.

Dieser Trend führt zu tief greifenden Veränderungen in der Denk- und Handlungsweise von polnischen Wissenschaftlern und Unternehmen. Auch die Finanzmärkte engagieren sich zunehmend auf diesem Sektor und der Trend wird sich sicher in den nächsten Jahren noch verstärken.

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Aktueller Stand

Eine Momentaufnahme zeigt, dass Polen erst am Anfang der Entwicklung steht, die großes Potential birgt. Im Bereich biotechnologisch hergestellter Arzneimittel hat sich das Unternehmen Bioton mit der Produktion von Insulin auf Basis der Gentechnologie einen Namen gemacht. Biotech Unternehmen wie Mabion folgen. Große Pharmaunternehmen wie ZF Popharma setzen zunehmend neuartige bio- und gentechnologische Verfahren zur Herstellung von Biosimilars ein. Biosimilars werden große Entwicklungspotentiale im polnischen Pharmamarkt eingeräumt. Der Verkaufswert wird auf bis zu umgerechnet 7,1 Mrd. Euro pro Jahr geschätzt.

Vor dem Hintergrund des auslaufenden Patentschutzes für einige biotechnologisch hergestellte Pharmaka werden Biosimilars in naher Zukunft eine große Bedeutung gewinnen. Dabei erfordert die Produktion von Biosimilars deutlich mehr Know-how und einen erheblich höheren Aufwand als die Herstellung klassischer Generika.

Forschende Arzneimittelhersteller und Start-Ups

Ein weiterer Trend zeichnet sich in der forschenden Arzneimittelindustrie ab. Während sich die pharmazeutische Industrie in Polen bisher hauptsächlich auf Generika konzentrierte, stehen jetzt auch innovative Pharmazeutika im Mittelpunkt des Interesses. Traditionelle Generikahersteller wie Adamed, Celon Pharma investieren hier ebenso wie die Produzenten biotechnologischer Pharmazeutika Selvita, Blirt, Celther, StemCells Spin und Proteon Pharmaceuticals, Die Strategie „polish biotech and pharma go global“ zielt darauf ab, mit Innovationen auf globalen Märkten zu agieren und dort erfolgreich zu sein. Im Rahmen dessen kommt es auch immer mehr zu Neugründungen junger und dynamischer Firmen, die flexibel auf die Bedürfnisse der Märkte eingehen.

Derzeit gibt es ca. 70 Start-Ups in Polen. Typischerweise ist die Hälfte der Start-Up`s in den letzten fünf Jahren entstanden. Die Tendenz ist steigend und der große Boom wird noch erwartet. Junge gut ausgebildete Wissenschaftler, qualifizierte Mitarbeiter, eine sich systematisch erweiternde Infrastruktur, zunehmendes Interesse an der Forschung mit steigendem Bewusstsein für die Notwendigkeit von Patentschutz für Wissenschaft und Industrie kennzeichnen die Situation und bilden optimale Voraussetzungen für die Innovationsfreudigkeit.

Finanzierung und Potenziale

Der Biotech-Pharma-Sektor finanziert sich derzeit hauptsächlich über Zuschüsse wie aus den Fonds der Europäischen Union und über Zuschüsse aus polnischen Agenturen und Institutionen. Auch Klein- und Privatanleger oder institutionelle Anleger wie Fonds der Venture Capital Art haben Einfluß auf den Erfolg der Branche.

Gegenwärtig arbeiten die polnischen Pharma-Unternehmen an ca. 40 Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Ihr Wert beträgt umgrechnet mehr als 74 Mio. Euro, wovon sich die Unterstützung aus öffentlichen Mitteln im Rahmen des Operativen Programms namens Innovative Wirtschaft auf ca. 40 Mio. Euro beläuft. Darüber hinaus arbeiten derzeit in den polnischen öffentlichen Forschungszentren mehr als 120 Forscherteams an Forschungs- und Entwicklungsprojekten auf dem Gebiet der Biotechnologie.

Parallel zu den Veränderungen in der Pharmabranche kam es zur rasanten Entwicklung der Biotechnologie in Polen. Auffällig ist insbesondere der rasche Anstieg der Anzahl von Biotechnologie-Unternehmen. In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der polnischen Biotechnologieunternehmen um mehr als das Dreifache gestiegen (von etwa 20 in 2007 auf 70 in 2012). Fast 40% dieser Unternehmen arbeiten an neuen Medikamenten.

Unternehmen, die mindestens 50% ihrer Tätigkeiten in Forschung und Entwicklung investieren, bilden die so genannten „core biotech“ aus einer Gruppe von ca. 70 Biotech- und 140 Pharmaunternehmen. Im Mittelpunkt der Forschung stehen dabei vor allem neuartige Methoden und Techniken der DNA-Rekombination, der Molekular-, Zellbiologie und Gewebetechnik. Entwickelt werden zudem medizinische und biokompatible Materialien sowie diagnostische Testverfahren.

Kooperationen und Joint Ventures

Polnische Biotech-Unternehmen und Generikahersteller streben Kooperationen und joint ventures mit ausländischen Partnern an. Auf internationalen Branchentreffs wie der CPhI bieten sich gute Repräsentationsmöglichkeiten ebenso wie auf der eigens gegründeten mitteleuropäischen Plattform für die aktive Zusammenarbeit im Biotech-Pharma-Sektor BioForum.

Im Rahmen von Systemprojekten des polnischen Wirtschaftsministeriums wurden verschiedene Bereichsförderungsprogramme wie „Polish Biotech & Pharma“ implementiert. „ Die Förderung der polnischen Wirtschaft“ ist eine Teilmaßnahme des operativen Programms „ Innovative Wirtschaft“ (POIG). Das Programm zielt darauf ab, einzelne Unternehmen in ihrer internationalen Expansion zu fördern und den Aufbau einer starken Marke der polnischen Biotech- und Pharma-Industrie zu unterstützen. In speziellen Schulungen werden die Prinzipien des Außenhandels bis hin zur Registrierung von Produkten in ausländischen Märkten vermittelt. Vor allem an Kooperationen mit Spanien, der Schweiz und Deutschland, USA, Russland und China besteht gesteigertes Interesse. Das Programm ermöglicht eine direkte Förderung polnischer Unternehmen und ist eine gute Gelegenheit, potenzielle Geschäftspartner zusammenzubringen.

Technologieparks

Die Biotechnologie spielt zunehmend eine wichtige Rolle in der polnischen Wirtschaft. Wichtige Eckpfeiler stellen akademische Zentren dar, die über großes Forschungspotential im Bereich der biologischen und medizinischen Wissenschaften verfügen und von lokalen Behörden unterstützt werden. Die Entwicklung dieses Sektors wird als Schlüsselelement für die wirtschaftliche Entwicklung einer Region gesehen, wie die „Bio-Regionen” Pomerania Danzig, Kleinpolen Krakau, Woiwodschaft Lodz, Niederschlesien Breslau und Großpolen Posen belegen.

Verschiedene Technologieparks wie der TechnoPark Lodz bieten in modernen Gebäuden vielseitige Büro- und Laborflächen an, die mit einer umfassenden Instrumentierung und modernen analytischen Gerätesystemen ausgestattet sind. Eine breite Palette an Labor- und Forschungsdienstleistungen wird ebenso angeboten wie Auftragsforschung und Customer Manufacturing. Qualifiziertes Laborpersonal und gut ausgebildete Spezialisten arbeiten dort an verschiedenen Themengebieten wie beispielsweise an Biokraftstoffen, neuartigen Biowerkstoffen, probiotischen und präbiotischen Präparaten oder an Enzymen. Weiterhin umfasst das Dienstleistungsangebot vom TechnoPark Lodz auch kundenspezifische Beratungen und Sonderprojekte.

* *Dr. M Dellert-Ritter: freie Journalistin, 63741 Aschaffenburg

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