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Hausmäuse verändern ihr Aussehen Wie die Maus sich selbst domestiziert

| Autor / Redakteur: Kurt Bodenmüller* / Christian Lüttmann

Viele zahme, domestizierte Tierarten verändern im Vergleich mit ihren wilden Verwandten ihr Aussehen. Sie haben etwa weiße Flecken im Fell und kürzere Schnauzen. Auch verwilderte Hausmäuse entwickeln dieselben sichtbaren Veränderungen — ohne Selektion, allein aufgrund ihrer Nähe zu Menschen. Dies zeigten nun erstmals Forscher der Universität Zürich (UZH).

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Die weißen Flecken im braunen Fell der Hausmäuse sind ein Zeichen der Selbstdomestizierung.
Die weißen Flecken im braunen Fell der Hausmäuse sind ein Zeichen der Selbstdomestizierung.
(Bild: Linda Heeb)

München — Hunde, Kühe, Schafe, Pferde, Schweine, Vögel — unsere Vorfahren haben in den vergangenen 15.000 Jahren Dutzende von Wildtieren domestiziert, um sie als Nutz- oder Haustiere zu halten. Damit aus wilden Wölfen zahme Hunde werden, wählten die Menschen jeweils die am wenigsten aggressiven bzw. ängstlichen Tiere für die Weiterzucht aus. Zahmheit war somit das zentrale Selektionsmerkmal.

Mit der Zeit änderte sich nicht nur das Verhalten der Tiere, sondern auch ihr Aussehen – und das übereinstimmend bei unterschiedlichen Tierarten. So haben domestizierte Hasen, Hunde und Schweine weiße Flecken in ihrem Fell, schlappe Ohren, kleinere Gehirne und kürzere Schnauzen. Domestikationssyndrom nennt die Wissenschaft diese Veränderungen im Erscheinungsbild.

Weiße Flecken durch Menschennähe

Ein Forschungsteam unter der Leitung von Anna Lindholm vom Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der UZH hat dieses Phänomen nun auch bei verwilderten Hausmäusen (Mus musculus domesticus) festgestellt, die in einer Scheune in der Nähe von Zürich leben. Innerhalb eines Jahrzehnts waren in einer Mäusepopulation zwei der charakteristischen Veränderungen des Phänotyps deutlich erkennbar: weiße Flecken im braunen Fell und kürzere Schädel bzw. Schnauzen.

„Die Nager haben allmählich ihre Angst verloren und Domestizierungsmerkmale entwickelt, ohne dass wir die Mäuse absichtlich selektionierten, sondern allein durch den regelmäßigen Kontakt zu uns“, sagt Anna Lindholm. Seit rund 15 Jahren studiert die Evolutionsbiologin die Hausmäuse, die in der leer stehenden Scheune leben. Dort werden die Tiere regelmäßig mit Wasser und Nahrung versorgt und von den Wissenschaftlern untersucht.

Die Neuralleiste: Quelle von Aggressivität und Aussehen

Verantwortlich für diesen parallelen Wandel von Verhalten und Aussehen scheint eine kleine Gruppe von Stammzellen im frühen Embryo zu sein: die Neuralleiste. Sie ist der Ursprung für die Entstehung vom Knorpel der Ohren, dem Dentin der Zähne und den Melanozyten, die das Hautpigment produzieren. Außerdem entstammt die Nebenniere, in der Stresshormone gebildet werden, den Stammzellen der Neuralleiste.

Zahmere Tiere entstehen durch eine Selektion von Individuen mit weniger aktiven Nebennieren, also weniger Stresshormonen. Hand in Hand gehen damit aber auch Änderungen in Fellfärbung und Kopfgröße, die ebenfalls der Neuralleiste entstammen. Sie sind somit unbeabsichtigte Nebeneffekte der Domestizierung.

Wie wilde Mäuse ohne Selektion zu Hausmäusen wurden

Die Beobachtungen von Madeleine Geiger, Erstautorin der Studie, helfen dabei, die Evolutionsgeschichte von Hausmäusen zu verstehen. Angezogen von Lebensmittelabfällen begannen sie vor rund 15.000 Jahren, in der Nähe von Menschen zu leben. Allein durch die Nähe gewöhnten sich die Nager an die Menschen und wurden zahmer.

„Diese Selbstdomestizierung führte zur allmählichen Veränderung ihres Aussehens — ganz nebenbei und unabsichtlich“, sagt Geiger. Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass die Entwicklung vom wilden Wolf zum zahmen Hund zu Beginn ebenfalls ohne menschliche Selektion verlief. Wölfe, die sich in der Nähe von Menschen aufhielten, wurden mit der Zeit weniger ängstlich und aggressiv: der erste Schritt zur Domestizierung.

Belyaevs Füchse – die Entdeckung des Domestikationssyndroms

Das Domestikationssyndrom geht auf ein bemerkenswertes Experiment zurück, das 1959 in Sibirien begann. Der sowjetische Genetiker Dmitry Belyaev zähmte wilde Füchse und untersuchte dabei die evolutiven Veränderungen. Generation für Generation wählte er die jeweils zutraulichsten Individuen aus. Mit der Zeit änderten die Füchse ihr Verhalten: Sie tolerierten Menschen nicht nur, sondern waren geradezu freundlich. Gleichzeitig veränderte sich auch ihr Aussehen: ihr Fell hatte weiße Flecken, ihre Schnauze verkürzte sich, ihre Ohren wurden schlapp und ihr Schwanz geringelt.

Orginalpublikation: Madeleine Geiger, Marcelo R. Sánchez-Villagra and Anna K. Lindholm: A longitudinal study of phenotypic changes in early domestication of house mice. Royal Society Open Science (2018), DOI: 10.1098/rsos.172099

* Kurt Bodenmüller: Universität Zürich, 8006 Zürich/Schweiz

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