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Insektensterben

Wie rasant deutsche Wiesen verstummen

| Autor/ Redakteur: Dr. Andreas Battenberg, Lisa Pietrzyk* / Christian Lüttmann

Es wird bedrohlich ruhig in der Natur. Das Zirpen und Summen in Wald und Wiesen nimmt schneller ab als vermutet. Nun haben Forscher gezeigt, wie stark der Rückgang von Insekten in den vergangenen zehn Jahren tatsächlich ist. Betroffen sind vor allem Wiesen, die sich in einer stark landwirtschaftlich genutzten Umgebung befinden – aber auch Wald- und Schutzgebiete.

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Insektenarten, wie diese Kleine Goldschrecke (Chrysochraon dispar), sind in ihren Beständen zurückgegangen.
Insektenarten, wie diese Kleine Goldschrecke (Chrysochraon dispar), sind in ihren Beständen zurückgegangen.
(Bild: Martin Fellendorf, Universität Ulm)

München – Auf deutschen Wiesen zirpt, summt, kreucht und fleucht es – allerdings deutlich weniger als noch vor 25 Jahren, wie bereits mehrere Studien gezeigt haben. „Bisherige Studien konzentrierten sich aber entweder ausschließlich auf die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller Insekten, oder auf einzelne Arten oder Artengruppen. Dass tatsächlich ein Großteil aller Insektengruppen betroffen ist, war bisher nicht klar“, sagt Dr. Sebastian Seibold, Forscher am Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der Technischen Universität München (TUM).

In einer breit angelegten Biodiversitätsstudie hat nun ein Forscherteam zwischen 2008 und 2017 eine Vielzahl von Insektengruppen in Brandenburg, Thüringen und Baden-Württemberg erfasst und die Funde systematisch ausgewertet.

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Rapider Rückgang der Insektenarten

Die Forscher haben auf 300 Flächen über eine Million Insekten gesammelt und so nachgewiesen, dass viele der fast 2700 untersuchten Arten rückläufig sind. Einige seltenere Arten wurden in den letzten Jahren in manchen der beobachteten Regionen gar nicht mehr gefunden. Sowohl auf den Waldflächen als auch auf den Wiesen zählten die Wissenschaftler nach zehn Jahren etwa ein Drittel weniger Insektenarten.

„Bisher war nicht klar, ob und wie stark auch der Wald vom Insektenrückgang berührt ist“, sagt Seibold. Das Team stellte fest, dass die Biomasse der Insekten in den untersuchten Wäldern seit 2008 um etwa 40 Prozent zurückgegangen ist. Im Grünland waren die Ergebnisse noch alarmierender: Am Ende des Untersuchungszeitraums hatte sich die Insektenbiomasse auf nur ein Drittel ihres früheren Niveaus verringert.

„Dass solch ein Rückgang über nur ein Jahrzehnt festgestellt werden kann, haben wir nicht erwartet – das ist erschreckend, passt aber in das Bild, das immer mehr Studien zeichnen“, sagt Wolfgang Weisser, Professor für Terrestrische Ökologie an der TUM und einer der Initiatoren des Verbundprojekts.

Ein Gefängnis aus Ackerland

Betroffen sind alle untersuchten Wald- und Wiesenflächen: Schafweiden, Wiesen, die drei bis viermal jährlich gemäht und gedüngt wurden, forstwirtschaftlich geprägte Nadelwälder und sogar ungenutzte Wälder in Schutzgebieten. Den größten Schwund stellten die Forscher auf solchen Grünlandflächen fest, die in besonderem Maße von Ackerland umgeben sind. Dort litten vor allem die Arten, die nicht in der Lage sind, große Distanzen zu überwinden.

Im Wald hingegen schwanden vorwiegend jene Insektengruppen, die weitere Strecken zurücklegen. Die TUM-Forscher müssen aber noch untersuchen, woran dies genau liegt. So könnte es sein, dass mobilere Arten aus dem Wald während ihrer Ausbreitung stärker mit der Landwirtschaft in Kontakt kommen und dadurch Schaden nehmen, z.B. durch Pestizide.

Schutzmaßnahmen noch unzureichend

Maßnahmen zum Insektenschutz sind nach Meinung der Forscher bisher wenig erfolgsversprechend. „Aktuelle Initiativen gegen den Insektenrückgang kümmern sich viel zu sehr um die Bewirtschaftung einzelner Flächen und agieren weitestgehend unabhängig voneinander“, sagt Seibold. „Um den Rückgang aufzuhalten, benötigen wir ausgehend von unseren Ergebnissen eine stärkere Abstimmung und Koordination auf regionaler und nationaler Ebene.“ Denn auch wenn manch einer vielleicht froh ist, dass weniger Wespen, Fliegen und Ameisen das Picknick im Sommer streitig machen – ein Rückgang der Insekten hat weitreichende Folgen auf das gesamte Ökosystem. So geht mit dem Summen und Zirpen schließlich auch das Zwitschern und Singen der Vögel zurück, die oft auf Insekten als Nahrung angewiesen sind.

Originalpublikation: Seibold, S., Gossner, M.M., Simons, N.K., Blüthgen, N., Müller, J., Ambarli, D., Ammer, C., Bauhus, J., Fischer, M., Habel, J.C., Linsenmair, K.E., Nauss, T., Penone, C., Prati, D., Schall, P., Schulze, E.-D., Vogt, J., Wöllauer, S. und Weisser, W.W. Arthropod decline in grasslands and forests is associated with drivers at landscape level, Nature volume 574, pages 671–674, 30.10.2019; DOI: 10.1038/s41586-019-1684-3

* Dr. A. Battenberg, L. Pietrzyk, Technische Universität München (TUM), 80333 München

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