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Sterblichkeit in der Covid-19-Pandemie Wo Corona Leben gerettet hat

Redakteur: Christian Lüttmann

Wie schlimm waren die Folgen der Coronapandemie wirklich? Um das einzuordnen, haben Forscher der Universität Tübingen und der Hebräischen Universität Jerusalem Daten zur Übersterblichkeit aus über 100 Ländern ausgewertet. Die Ergebnisse brachten so manche Überraschung: etwa einige Länder, wo trotz Pandemie weniger Menschen starben als in einem „normalen“ Jahr.

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Die Corona-Pandemie sorgte in manchen Ländern paradoxerweise für einen Rückgang der allgemeinen Sterblichkeit, u. a. weil die Menschen sich durch Hygiene-Maßnahmen weniger mit anderen Krankheiten ansteckten (Symbolbild).
Die Corona-Pandemie sorgte in manchen Ländern paradoxerweise für einen Rückgang der allgemeinen Sterblichkeit, u. a. weil die Menschen sich durch Hygiene-Maßnahmen weniger mit anderen Krankheiten ansteckten (Symbolbild).
(Bild: gemeinfrei, Bruno Emmanuelle / Unsplash)

Tübingen, Jerusalem/Israel – Die Todesfälle waren neben der Inzidenz eine der wichtigsten Größen in der bisherigen Berichterstattung zur Coronapandemie. Bei solchen Meldungen liegt die Vermutung nahe, dass durch Covid-19 die Sterblichkeit massiv über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre liegt. Das haben nun Dr. Dmitry Kobak vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde der Universität Tübingen und Ariel Karlinsky von der Hebräischen Universität Jerusalem untersucht. Ihr Ergebnis: Es stimmt, und es stimmt nicht.

Die beiden Forscher bereiteten für ihre Studie Sterbedaten aus der Covid-19-Pandemie für über 100 Länder in vergleichbarer Form auf. In ihrer Studie berichten die Wissenschaftler von extremen Unterschieden: Während die Todeszahlen in einigen lateinamerikanischen Ländern in der Pandemie um mehr als die Hälfte stiegen, starben in einigen Ländern wie den Seychellen, Australien, Neuseeland, Norwegen und Dänemark sogar weniger Menschen als in vergleichbaren Zeiträumen vor der Pandemie.

Was ist Übersterblichkeit?

In ihrer Arbeit betrachten die Wissenschaftler die so genannte Übersterblichkeit innerhalb des jeweiligen Landes: Für eine bestimmte Bevölkerung lassen sich erwartete Sterbezahlen über die kommenden Monate und Jahre berechnen auf der Grundlage der entsprechenden Daten aus vergangenen vergleichbaren Zeitspannen. Pandemien, Kriege sowie Natur- oder menschengemachte Katastrophen verursachen zusätzliche Tote über die erwarteten Zahlen hinaus. Die Abweichung von den erwarteten Todeszahlen zu den tatsächlich eingetroffenen Todesfällen wird als Übersterblichkeit (bzw. Untersterblichkeit) bezeichnet.

Die Sterblichkeitsraten – bezogen auf bestimmte Zeiträume der Pandemie – lassen ein Bild der Lage zu, das unabhängig ist von der Corona-Teststrategie und -kapazität, den gemeldeten Infektionszahlen oder auch der Berichtspolitik eines Landes. „Bis jetzt gab es jedoch keine globale, aktuell gehaltene Sammlung dieser Zahlen“, sagt der Tübinger Forscher Karlinsky.

Um diese Lücke zu füllen, haben er und sein Kollege Kobak wöchentliche, monatliche und vierteljährliche Sterbedaten aus 103 Ländern und Regionen gesammelt, die sie im World Mortality Dataset öffentlich verfügbar gemacht haben. Sie selbst nutzten diese Daten, um die Sterblichkeitsraten der einzelnen Länder während der Covid-19-Pandemie zu erfassen.

Wo die Pandemie Leben rettete – und wo nicht

„Uns hat interessiert, ob eine Übersterblichkeit durch die Pandemie zu verzeichnen war, und wenn ja, in welchem Umfang – und ob die Zahlen über die Länder hinweg vergleichbar waren“, sagt Karlinsky. Die Analysen ergaben, dass in einigen der Länder, die am schlimmsten von Covid-19 betroffen waren, die Übersterblichkeit bei mehr als 50 Prozent der zu erwartenden jährlichen Sterblichkeitsrate lag – v. a. in Peru, Ekuador, Bolivien und Mexiko. In absoluten Zahlen waren besonders Peru, Bulgarien, Nordmazedonien und Serbien von der Pandemie betroffen: mit mehr als 400 zusätzlichen Toten pro 100.000 Einwohner.

Zugleich lag die Sterblichkeit in Ländern wie Australien und Neuseeland während der Pandemie unter dem üblichen Level. Die Autoren gehen davon aus, dass dies durch die Abstands- und Hygieneregeln zustande kam, was die Tode durch andere Infektionen als Covid-19 reduzierte. Sie stellten außerdem fest, dass zwar viele Länder genaue Covid-19-Sterbedaten übermittelten, andere aber – darunter Nicaragua, Weißrussland, Ägypten und Usbekistan – nur weniger als ein Zehntel der tatsächlichen Pandemietoten meldeten.

Übersterblichkeit durch Corona in Deutschland und Europa

Der Studie zufolge lag die Übersterblichkeit in Deutschland in der Pandemie bisher bei rund 40.000 Verstorbenen. „Das sind viel weniger als die 90.000 offiziell gemeldeten Toten durch Covid-19“, sagt Kobak. Wahrscheinlich seien die Sterbezahlen bei anderen Atemwegserkrankungen während der Wintermonate gesunken. Bei 50 zusätzlichen Toten pro 100.000 Einwohnern habe Deutschland in der Pandemie eine viel geringere Übersterblichkeit erfahren als umliegende europäische Länder (Niederlande: 110; Belgien: 140; Frankreich: 110; Schweiz: 100; Österreich: 110, Tschechien: 320; Polen: 310). Von den deutschen Nachbarländern hat nur Dänemark die Pandemie offenbar besser gemeistert. Hier haben die Forscher keine Übersterblichkeit festgestellt.

„Insgesamt erhalten wir durch unsere Ergebnisse ein umfassendes Bild der Folgen der Covid-19-Pandemie. Wir hoffen, dass wir so ein besseres Verständnis der Pandemie erlangen und sich der Erfolg verschiedener Eindämmungsmaßnahmen besser erfassen lässt“, sagt Kobak. „Unser Datenbestand soll auch anderen Forschern helfen, ihre Fragen zur Pandemie zu beantworten.“ Das World Mortality Dataset solle ausgebaut und weiterhin aktualisiert werden.

Originalpublikation: Ariel Karlinsky and Dmitry Kobak: Tracking excess mortality across countries during the COVID-19 pandemic with the World Mortality Dataset. eLife, DOI: 10.7554/eLife.69336

(ID:47553526)