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Antibiotikaresistenzen vorbeugen Das Sperrmilch-Dilemma: entsorgen oder Kälbern geben?

Redakteur: Christian Lüttmann

Sperrmilch ist nicht für den Verkauf an Menschen zugelassen, weil sie von Kühen stammt, die kürzlich mit Medikamenten behandelt wurden. Diese Milch verfüttern Landwirte aber oft an Kälber. Inwieweit dadurch Antibiotikaresistenzen verstärkt werden könnten, haben Forscher aus Wien in einer Metaanalyse untersucht.

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(Bild: gemeinfrei, indigoblues38 / Pixabay )

Wien/Österreich – Wenn eine Milchkuh krank wird und Arzneimittel bekommt, darf ihre Milch für eine gesetzlich vorgeschriebene Wartezeit nicht für den menschlichen Verzehr angeboten werden – es entsteht so genannte Sperrmilch. Teils entsorgen Landwirte diese als Abfall, teils verfüttern sie die Sperrmilch an Kälber. So werden die hochwertigen Bestandteile, die enthalten sind, nicht vergeudet. Experten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) schätzen, dass ungefähr ein Prozent der in der Europäischen Union produzierten Milch als nicht-verkaufsfähige Sperrmilch einzustufen ist und vermutlich an Kälber verfüttert wird [1].

Dies scheint einerseits nachhaltig, birgt aber auch ein Risiko: Aufgrund der enthaltenen antimikrobiellen Medikamentenrückstände könnte das Verfüttern von Sperrmilch dazu beitragen, dass sich Antibiotikaresistenzen bei Milchkälbern entwickeln. In einem aktuellen Review analysierte ein Forscherteam um Clair Firth vom Institut für Lebensmittelsicherheit, Lebensmitteltechnologie und Öffentliches Gesundheitswesen der Vetmeduni Wien deshalb die wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema.

Sperrmilch stärkt Kälber – aber auch Bakterien

Insgesamt 19 Forschungsarbeiten aus dem Zeitraum 2016 bis 2020 sowie die EFSA-Stellungnahme [1] haben die Wiener Forscher für ihren Überblick berücksichtigt. Die gute Nachricht zuerst: Einige der Forschungsergebnisse zeigen, dass sich Sperrmilch im Vergleich zu Milchpulver positiv für die tägliche Gewichtszunahme der Kälber auswirkt und auch andere Vorteile für deren Gesundheit bringt.

Doch es gibt eine Kehrseite. „Die Fütterung von Sperrmilch ist von negativen Auswirkungen begleitet. Insbesondere sind dies die Entstehung und Ausbreitung antibiotikaresistenter Bakterien, die Veränderung der Darmflora sowie die möglichen Folgen, die daraus für die globale öffentliche Gesundheit erwachsen könnten“, fasst Studienleiterin Firth zusammen. „Wir empfehlen deshalb, diese Faktoren bei der Fütterung von Kälbern mit Sperrmilch immer zu berücksichtigen.“ Laut den Experten wäre es wünschenswert, künftig Alternativstrategien für die Nutzung von Sperrmilch zu entwickeln, damit dieses hochwertige Futtermittel nicht entsorgt werden muss.

Komplexes Phänomen erfordert weitere Analysen

Im Detail brachten die von den Wissenschaftlern untersuchten Studien eine Vielzahl an unterschiedlichen Ergebnissen. So scheint die Fütterung von Milch, welche antimikrobielle Rückstände enthält, die Ausscheidung antimikrobiell resistenter Bakterien bei Milchkälbern zwar zu erhöhen. Allerdings ist ein solches Ausscheiden häufig nur von kurzer Dauer. Obwohl nach der Milchfütterung oft über Veränderungen im Mikrobiom der Kälber berichtet wurde, lässt sich aufgrund der vorliegenden Forschungsergebnisse derzeit nicht klar sagen, wie sich dies auf die weitere Gesundheit der Kälber auswirkt.

Außer Frage steht, dass erkrankte Kühe unbedingt adäquat behandelt werden müssen. Die Entstehung von Sperrmilch ist dabei unvermeidbar. „Um eine Vorgehensweise für den Umgang mit Sperrmilch empfehlen zu können, sind weitere Studien notwendig. So können wir ein umfassenderes Bild möglicher Zusammenhänge gewinnen und besser einschätzen, mit welchen Gefahren die Verfütterung von Sperrmilch an Kälber tatsächlich verbunden ist“, sagt Firth. Zudem soll erforscht werden, wie Sperrmilch schonend behandelt werden kann, damit die wertvollen Inhaltsstoffe verwertet und gleichzeitig mögliche Risiken vermieden werden können.

Originalpublikation: Clair L. Firth, Katrin Kremer, Thomas Werner und Annemarie Käsbohrer: The Effects of Feeding Waste Milk Containing Antimicrobial Residues on Dairy Calf Health “ von C Pathogens 2021, 10(2), 112; DOI: 10.3390/pathogens10020112

Literatur: [1] EFSA Panel on Biological Hazards (BIOHAZ): Risk for the development of Antimicrobial Resistance (AMR) due to feeding of calves with milk containing residues of antibiotics, EFSA Journal 2017;15(1):4665, S. 23; DOI: 10.2903/j.efsa.2017.4665

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