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Wie Schweine menschliche Gesichter unterscheiden Erkennt das Schwein den Bauern?

| Autor/ Redakteur: Georg Mair * / Christian Lüttmann

Wenn wir in einen Schweinestall blicken, fällt es uns vermutlich schwer, einzelne Schweine zu unterscheiden. Dass andersherum Schweine die Gesichter von Menschen unterscheiden können, wurde lange Zeit von Experten angezweifelt. Neue Versuche der Universität Wien zeigen nun aber, dass die Schweine durchaus über visuelle Kognitionsfähigkeiten verfügen.

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Schweine können sich anhand von bestimmten Merkmalen, wie Nase oder Mund, unser Gesicht einprägen.
Schweine können sich anhand von bestimmten Merkmalen, wie Nase oder Mund, unser Gesicht einprägen.
(Bild: Messerli Forschungsinstitut/Vetmeduni Vienna)

Wien/Österreich – Die „dumme Sau“ gehört eigentlich in das Reich der Mythen und Legenden. Schließlich konnten Schweine in den letzten Jahren bereits beweisen, dass sie bei weitem mehr Lern- und kognitive Fähigkeiten besitzen, als ihnen lange zugetraut wurde. Sie sind nicht nur neugierig und lernfähig. Schweine verfügen über ein gutes Langzeitgedächtnis, können Artgenossen bewusst hinters Licht führen und sogar Bedürfnisse und Absichten antizipieren. Ein gut ausgeprägtes, visuelles Wahrnehmungsvermögen wird den klugen Tieren jedoch nach wie vor eher abgesprochen. So stimmten die Ergebnisse kognitiver „Sehtests“, etwa ob sie Artgenossen visuell erkennen, Veterinärmediziner bislang eher pessimistisch.

Eine neue Studie von Kognitionsforschern des Messerli Forschungsinstituts der Veterinärmedizinischen Universität Wien liefert nun ein bei weitem optimistischeres Bild der sehtechnischen Wahrnehmungsfähigkeit der Schweine. Sie konnten Fotos verschiedener menschlicher Gesichter und Hinterköpfe selbst nach Veränderungen voneinander unterscheiden. Das legt nahe, dass Schweine wohl doch dazu in der Lage sind, sich visuell wahrgenommene Merkmale einzuprägen und entsprechend zu reagieren.

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Kopfsache: Schweine unterscheiden Gesicht und Hinterkopf

Für die Studie trainierten die Forscher zwei Gruppen Schweine in einem ersten Schritt auf die Unterscheidung des menschlichen Gesichts und des Hinterkopfes von 10 Personen. Im Gegensatz zu anderen Versuchen wurden den Schweinen nur Fotos auf einem Monitor gezeigt. Entweder die Vorder- oder Rückansicht des menschlichen Kopfes führte bei richtiger Auswahl zu einer Belohnung. „Wichtig war uns, dass sie sich mit einer zweidimensionalen Vorlage beschäftigen mussten. Damit blieben sowohl bereits bewiesenes Formverständnis oder olfaktorische Faktoren, also Gerüche, außen vor. Nur das visuelle Wahrnehmungsvermögen, das bislang als eben nicht besonders ausgeprägt verstanden wurde, war somit gefordert“, erklärt Studienleiter Ludwig Huber.

Die Schweine erwiesen sich dabei als bemerkenswert lernfähig und kamen mit der visuellen Herausforderung bereits im Training besser zurecht, als man aus früheren Studien vermuten musste. „Trotz individueller Unterschiede konnten wir aufgrund der Gesamtleistung relativ früh mit der eigentlichen Testphase beginnen“, sagt Huber.

Nicht auswendig gelernt

Beim so genannten Generalisationstest wurde den beiden Schweinegruppen zwar die gleiche Bilderkonstellation gezeigt, aber diesmal von 16 neuen Konterfeis. Überraschenderweise meisterten die Tiere diese Aufgabe ohne Leistungsabfall, somit verwendeten sie ein im Training gebildetes, allgemeines Konzept der Ansicht (von vorne oder von hinten) anstatt die Bilder auswendig zu lernen. Die abschließenden Testreihen, bei denen unter anderem das Gesicht gedreht oder bestimmte Gesichtsmerkmale verändert wurden, sollten die Natur dieses visuellen Konzepts und der darin enthaltenen Merkmale genauer bestimmen lassen.

„Bei diesem Test mit insgesamt 80 Testaufgaben wurde die spontane Zuordnung der Bilder überprüft, welche auf das im Training gebildete Merkmalskonzept schließen lässt. Die Gruppe ‚Gesicht‘ hatte es in diesem Fall jedoch schwerer als ihre auf den Hinterkopf trainierten Artgenossen“, so Huber. In dieser Testphase musste die „Gesichtsgruppe“ nämlich aus zwei Frontansichten wählen, die beide der im Training gelernten Ansicht ähneln. Nur beim Test bei dem das Merkmal „Mund“ oder „Augen“ fehlte, wurde bei beiden Gruppen kein Hinterkopf gezeigt.

Die Hinterkopf-Gruppe war dementsprechend erfolgreicher bei der trainierten und damit richtigen Auswahl. Bis auf die letzte Testreihe entschieden sie sich in über 80 Prozent der gezeigten Bildkombinationen für die antrainierte. Die Gesichtsgruppe lieferte dagegen ein Unentschieden als Ergebnis. Sie wählten nur zu etwa 50 Prozent das richtige Bild aus. Beim letzten Test, bei dem beide Gruppen mit Gesichtsbildern ohne Mund oder Augen konfrontiert wurden, war auch die Hinterkopfgruppe unentschlossen.

Erkennen anhand von Merkmalen

Die schlechteren Quoten, die nicht über Zufallstreffer hinausgingen, haben den Wissenschaftlern zufolge aber eine wichtige Bedeutung. Sie könnten bei beiden Gruppen darauf hindeuten, dass sie ihre Entscheidung aufgrund bestimmter Merkmale gefällt haben. „Speziell die Tiere, die auf den Hinterkopf trainiert wurden, könnten sich etwa die Augen als Unterscheidungsmerkmal eingeprägt haben und wählten deshalb das andere Bild. Gleiches gilt für die Gruppe, die auf die Gesichter trainiert wurde. Fehlt das eingeprägte Merkmal oder ist verändert, werden sie eine andere Entscheidung treffen. Das Ergebnis ist damit ein wichtiger Hinweis, dass Schweine entgegen bisheriger Ergebnisse doch über ein visuelles Wahrnehmungsvermögen verfügen“, erklärt Huber. Generell zeigten die Tiere sehr unterschiedliche Zuordnungen, was wiederum auf eine sehr flexible, individuelle Lösung der an sie gestellten Aufgaben schließen lässt. Das lasse den Wissenschaftlern zufolge weiteren Raum offen, die Tiere in der Stallhaltung durch unterschiedliche Reize, besonders auch visuelle, stärker zu stimulieren und mit dieser Art der kognitiven Anreicherung ihr Wohlbefinden zu verbessern.

Originalpublikation: Marianne Wondrak, Elin Conzelmann, Ariane Veit, Ludwig Huber: Pigs (Sus scrofa domesticus) categorize pictures of human heads. Applied Animal Behaviour Science, Volume 205, August 2018, Pages 19-27; DOI: 10.1016/j.applanim.2018.05.009

* Mag. rer. nat. G. Mair, Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna), 1210 Wien

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