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Ausläufer tropischer Wirbelstürme Europa: „Verirrte“ Hurrikane fördern Wetterextreme

| Redakteur: Dr. Ilka Ottleben

Tropische Wirbelstürme sind in vielen Teilen der Welt reale Bedrohung. Die verheerenden Verwüstungen durch Zyklon „Idai“ in Südostafrika, sind das jüngste traurige Beispiel. Eine Studie des Mobiliar Labs für Naturrisiken an der Universität Bern zeig nun: Es kommt nicht selten vor, dass tropische Wirbelstürme von ihrer Bahn abkommen und sich auch in mittlere Breiten „verirren“. Das bleibt offenbar nicht folgenlos.

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Der Hurrikan „Gonzalo“, aufgenommen von der Internationalen Raumstation ISS am 16. Oktober 2014. (Ausschnitt)
Der Hurrikan „Gonzalo“, aufgenommen von der Internationalen Raumstation ISS am 16. Oktober 2014. (Ausschnitt)
(Bild: Alexander Gerst/ESA/NASA)

Bern/Schweiz – Die verheerenden Folgen des tropischen Wirbelsturms „Idai“ in Südostafrika werden jeden Tag deutlicher: Hundertausende Menschen sind von den starken Verwüstungen und Überschwemmungen die der Zyklon anrichtete, betroffen. Viele kämpfen in den Katastrophengebieten in Mosambik, Simbabwe und Malawi kämpfen um ihr Leben, die Gefahr von Seuchen ist real. Einmal mehr wird einem anhand auch dieser Bilder bewusst, wie sicher das Leben in Europa ist.

Wirbelstürme sind in den Tropen reale Gefahr. Doch nun haben Forscher Mobiliar Labs für Naturrisiken an der Universität Bern dargestellt, dass es nicht selten ist, dass solche „Tropenstürme von ihrer Bahn abkommen und damit das Wetter in Europa viel stärker als bisher angenommen beeinflussen. Insbesondere die Wahrscheinlichkeit für Starkniederschläge nehme demnach zu, wenn das Wetter in den mittleren Breiten von tropischen Wirbelstürmen gestört wird.

Wirbelstürme in Europa?

Mitte Oktober 2017 legte „Ophelia“ in weiten Teilen von Irland das öffentliche Leben lahm: Sturmböen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 Kilometern pro Stunde und heftige Regenfälle verursachten große Schäden und sorgten für geschlossene Schulen. „Ophelia“ war einer der stärksten jemals so weit im Osten des Atlantiks beobachtete Hurrikan.

Dass Wirbelstürme, die gewöhnlich in der Karibik Verwüstungen anrichten, in mittlere Breiten weiterziehen, ist allerdings nichts Außergewöhnliches. „Beinahe die Hälfte dieser Stürme bewegen sich aus den Tropen heraus und können danach auch das Wetter in Europa beeinflussen“, sagt Olivia Romppainen, Professorin für Klimafolgenforschung an der Universität Bern und Co-Leiterin des Mobiliar Labs für Naturrisiken. Ihre Gruppe hat in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich und dem Karlsruher Institut für Technologie KIT erstmals untersucht, wie sich diese Ex-Hurrikane auf Starkniederschläge in Europa auswirken.

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Tropenstürme: „Hurrikan“, „Zyklon“, „Taifun“ – was ist der Unterschied?

.... Es gibt keinen. Außer, dass diese Wirbelstürme mit Windgeschwindigkeiten von mindestens 119 Kilometern pro Stunde in unterschiedlichen Regionen der Welt auftreten. Je nachdem wo bezeichnen sie Wissenschaftler als z.B. Hurrikan, Zyklon oder Taifun und meinen damit das gleiche Wetterphänomen. Laut National Geographic erfolgt die Einteilung wie folgt:

  • Im Atlantik und Nordpazifik werden die Wirbelstürme als „Hurrikane“ bezeichnet, nach dem karibischen Gott des Bösen.
  • Im Nordwestpazifik spricht man von „Taifun“.
  • Im südwestlichen Indischen Ozean und im südwestlichen Pazifik werden die schweren Tropenstürme als „schwere tropische Zyklone“ bezeichnet.
  • Im nördlichen Indischen Ozean heißen sie „schwere Wirbelstürme“.
  • Im südwestlichen indischen Ozean spricht man einfach von „tropischen Zyklonen“.

Extreme Niederschläge doppelt so wahrscheinlich

Roman Pohorsky, Mitarbeiter des Mobiliar Labs und Hauptautor der Studie, analysierte 146 sogenannt „zurückgebogene“ tropische Wirbelstürme über dem Nordatlantik für die Zeit zwischen 1979 und 2013. Er konnte dabei die Auswirkung von Ex-Hurrikanen auf das europäische Wetter erstmals statistisch quantifizieren. „Es hat sich gezeigt, dass sich zwei bis drei Tage nach der Ankunft eines Sturms in den mittleren Breiten die Wahrscheinlichkeit von Starkniederschlägen in Europa verdoppelt“, erklärt Olivia Romppainen. Bis anhin, so die Klimafolgenforscherin, seien diese Zusammenhänge nicht systematisch untersucht, sondern lediglich an Hand einzelner Fallstudien vermutet worden.

Die tropischen Wirbelstürme entstehen im Atlantik zwischen Afrika und Nordamerika und ziehen danach in die Karibik und den Golf von Mexiko weiter, wo sie sich zu einem großen Teil verlieren. Zahlreiche dieser ehemaligen Wirbelstürme stoßen allerdings weiter gegen Norden in die mittleren Breiten vor. Dort können sie das Wetter in Europa auf zwei unterschiedliche Arten beeinflussen: Entweder zieht ein Ex-Hurrikan direkt nach Europa weiter oder er verharrt über dem Nordatlantik, wo er den Jet-Stream – die Starkwindbänder in der Atmosphäre – stört. Beide Arten der Beeinflussung führen in Europa häufig zu extremen Niederschlägen.

Wetterextreme zuverlässiger vorhersagen

Ein Beispiel eines Ex-Hurrikans, der auch die Schweiz direkt in Mitleidenschaft zog, war Ende Oktober 2014 „Gonzalo“. Zuerst zog der Sturm mit hoher Geschwindigkeit über England und Deutschland. Danach fegte er mit Windböen von bis zu 185 Stundenkilometern über die Schweiz und hielt Polizei und Feuerwehr in Atem: Bäume wurden entwurzelt, Dächer abgedeckt und Keller liefen nach Starkregen voll. Danach folgte ein früher Wintereinbruch mit Neuschneemengen in den Bergen von bis zu einem Meter. Und schließlich zog „Gonzalo“ gegen Süden bis nach Griechenland weiter, wo seine Überbleibsel für Schneestürme und Hochwasser sorgten.

Sehen Sie hier, wie u.a. Alexander Gerst auf der Internationalen Raumstation ISS den Wirbelsturm Gonzalo sah:

Bildergalerie

Der Einfluss der ehemaligen Wirbelstürme wirkt sich auch auf die europäischen Wetterprognosen aus. „An Tagen, in den Ex-Hurrikane in die mittleren Breiten vorstossen“, erklärt Olivia Romppainen, „verschlechtert sich häufig die Qualität der Prognosen.“ Das nun am Mobiliar Lab gewonnene Wissen über den Zusammenhang von tropischen Stürmen und Starkniederschlägen auf der anderen Seite des Atlantiks könnte mittelfristig zu einer Verbesserung der Prognosen von Wetterextremen beitragen.

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Interdisziplinäre Klimaforschung in Bern

Das Mobiliar Lab für Naturrisiken ist eine gemeinsame Forschungsinitiative des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Universität Bern und der Mobiliar. Die Forschungsschwerpunkte sind Hochwasser, Sturm und Hagel sowie deren Schadenspotenzial. Die Erforschung und Visualisierung des Schadenspotenzials von Hochwassern bilden einen zentralen Forschungsschwerpunkt.

Das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung (OCCR) ist eines der strategischen Zentren der Universität Bern. Es ist ein führendes Klimaforschungszentrum und bringt Forscherinnen und Forscher unterschiedlicher Disziplinen aus 14 Instituten und vier Fakultäten zusammen.

Originalpublikation: Pohorsky, R., M. Röthlisberger, C.M. Grams, J. Riboldi, and O. Martius, 0: The climatological impact of recurving North Atlantic tropical cyclones on downstream extreme precipitation events. Mon. Wea. Rev., 0, https://doi.org/10.1175/MWR-D-18-0195.1

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