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Mobile Endgeräte & LIMS

Mobil im Labor: Das LIMS in der Kitteltasche

| Autor/ Redakteur: Constanze Escher* / Dr. Ilka Ottleben

Darüber wie das Labor der Zukunft oder das Labor 4.0 aussehen und funktionieren könnte wird derzeit viel diskutiert. Fakt ist, dass dabei mobile Endgeräte und deren Vernetzung, auch mit Labor-Informations- und Managementsystemen (LIMS) eine zentrale Rolle spielen werden. Eine Technologie, die bereits heute in vielen Laboren real ist. Ein Fallbeispiel.

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Abb. 1: Im Werk Life Nutrition von B. Braun Melsungen werden Ernährungslösungen für den Weltmarkt entwickelt und produziert.
Abb. 1: Im Werk Life Nutrition von B. Braun Melsungen werden Ernährungslösungen für den Weltmarkt entwickelt und produziert.
(Bild: Joerg Lantelme / B. Braun Melsungen)

Sie sind im Trend – mobile Endgeräte im Labor, die direkt mit dem Labor-Informations- und Managementsystem (LIMS) kommunizieren. Die installierte Software stellt Funktionen aus dem System, vergleichbar mit einer App, als Anwendung zur Verfügung – bei der Probenahme in der Betriebsstätte, im Feld oder auch im Labor für die Datenerfassung und Dokumentation. Aber wie werden diese mobilen Helfer tatsächlich im Laboralltag eingesetzt? Und wie sieht es mit der Akzeptanz der Anwender aus? Beim Unternehmen B. Braun Melsungen, einem der führenden Hersteller von Medizintechnik- und Pharmaprodukten, wird am Beispiel des hochmodernen Zentrallabors am Standort Melsungen deutlich, wie die tägliche Arbeit mit mobilen Daten aussehen kann.

„Ich mache meine Arbeit gern!“ Martin Bromer ist Laborant bei B. Braun. Er untersucht gerade eine im Werk Melsungen hergestellte Kochsalzlösung für die intravenöse Infusion. Diese und viele weitere Proben werden im Zentrallabor bearbeitet. Alle Produkte, die das Werk verlassen, werden umfangreichen Qualitäts- und Stabilitätssprüfungen unterzogen.

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Um die strengen regulatorischen Anforderungen in der pharmazeutischen Industrie zu erfüllen, sind unter anderem Dokumentation und Rückverfolgbarkeit unerlässlich: Bei jeder Probe müssen nicht nur das angewendete Prüfverfahren, sondern auch die Prüfmittel, die Prüfgeräte und die verwendeten Chemikalien zugeordnet werden können. Auf den ersten Blick ein immenser Aufwand – vor allem, wenn diese Daten auf Papier erfasst und ins System übertragen werden müssten. Außerdem wäre diese Vorgehensweise fehleranfällig.

Mobile Endgeräte und deren Vernetzung mit dem LIMS

Im B. Braun-Labor wurde diese Anforderung effizient und vor allem nutzerfreundlich gelöst: Martin Bromer erfasst mit einem Handgerät per Scanner zuerst die Probe. Die Anwendung auf seinem mobilen Gerät zeigt ihm das Prüfverfahren an, jetzt scannt er den Code auf den zu verwendenden Chemikalien, auf dem Prüfgerät und allen weiteren Prüfmitteln. Die Daten werden über das WLAN im Labor direkt in das Labor-Informations- und Managementsystem übertragen und sind hier nun sicher gespeichert. Martin Bromer macht seine Arbeit gern, denn er kann sich auf das Wesentliche konzentrieren – täglich im Labor mit anspruchsvollen Prüfverfahren die hohe Qualität der B. Braun-Produkte sicher zu stellen.

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Nachgefragt: Mobile Anwendungen – Stand der Dinge und Blick in die Zukunft

T&P bietet seit mehreren Jahren zusammen mit dem Labor-Informations- und Managementsystem Lisa.lims unter dem Namen Lisa.lims Mobile Data auch verschiedene mobile Anwendungen an. Ein Gespräch mit Dr. Claus Köller bei T&P in Bochum u.a. verantwortlich für das Produktmanagement der mobilen Anwendungen.

LP: In vielen Bereichen unseres Lebens sind mobile Anwendungen nicht mehr weg zu denken. In vielen Labors scheint jedoch die Meinung zu herrschen, dass die Datenverarbeitung statisch erfolgen müsse. Herr Dr. Köller, woran liegt das?

Dr. Claus Köller: Ein LIMS ist ein hoch komplexes System, oft Datenbank-basiert. Das passt nicht in ein Smartphone. Dazu kommen die teilweise strengsten Anforderungen an Datensicherheit, die in den Köpfen der Menschen nicht in die transparente, mobile Welt passen. Daher ist es für viele Anwender und Entscheider schlicht nicht vorstellbar, mit mobilen Geräten zu arbeiten.

LP: Aber T&P bietet, wie fast alle anderen namhaften Hersteller auch, nun schon seit geraumer Zeit mobile Anwendungen an. Ist das ein reduziertes LIMS ohne sensible Daten?

Dr. Köller: Nein, ist es nicht. Mit Lisa.lims Mobile Data stellen wir ganz einfach Funktionen aus unserem LIMS mobil zur Verfügung. Und zwar ganz gezielt die, die unser Kunde auch sinnvoll einsetzen kann. Das ist natürlich von Labor zu Labor verschieden, was für das eine Labor eine effiziente Arbeitserleichterung ist, kann für ein anderes überflüssiger Schnickschnack sein.

LP: Wie sieht das in der Praxis aus?

Dr. Köller: Unsere Kunden setzen mobile Geräte zum Beispiel für die Werteerfassung ein. Früher liefen die Mitarbeiter mit Zetteln durchs Labor, notierten sich etwas und haben den Wert dann an ihrem Arbeitsplatz ins LIMS übertragen. Das ist inzwischen papierlos und digital möglich, die Synchronisierung der Daten mit dem LIMS erfolgt zum Beispiel über das labor­interne, geschützte WLAN. Ein weiteres, ganz klassisches Beispiel aus der Praxis ist die Probenahme. Das Protokoll wird direkt auf dem Tablet ausgefüllt und gespeichert, egal ob eine Netzwerkverbindung besteht oder nicht. Das Gerät wird vorher mit Informationen zur Probenahme „gefüttert“. Gab es hier schon einmal Auffälligkeiten? Hat der Kollege vor zwei Wochen etwas dazu vermerkt? Teilweise arbeiten unsere Kunden hier mit robusten, outdoorfähigen Geräten, die auch bei Nässe bedienbar sind.

LP: Wie ist die Akzeptanz der Anwender? Hier werden Abläufe geändert, die jahrelang gewohnt waren?

Dr. Köller: Die anfängliche Skepsis, mit dem Tablet Daten zu erfassen sei umständlicher als mit Zettel und Stift weicht spätestens, wenn die Arbeitserleichterung spürbar wird. Und die besteht zum Beispiel darin, dass mir für jeden Arbeitsschritt, den ich ausführe, Informationen zur Verfügung stehen. Und was mache ich denn mit meinem Zettel? Ich übertrage die Daten in das System. Genau diesen, fehleranfälligen Schritt erspare ich mir mit der mobilen Anwendung. Außerdem kann heutzutage fast jeder mit einem Tablet oder Smartphone intuitiv umgehen. Der Ablauf, das reine Erfassen der Daten, wird also nicht grundsätzlich geändert, sondern vereinfacht.

LP: Machen mobile Anwendungen in jedem Labor Sinn?

Dr. Köller: Eine Arbeitserleichterung sind sie in jedem Labor. In vielen großen Laboren sind sie aus dem Tagesgeschäft nicht mehr weg zu denken. Aber auch in kleinen Laboren mit wenigen Anwendern gibt es immer wieder Bereiche, die mit mobilen Daten einfacher und sicherer zu bearbeiten sind. Hier ist es unsere Aufgabe, zusammen mit den Kunden die Abläufe zu analysieren und gezielte Empfehlungen auszusprechen.

LP: Wagen Sie einen Ausblick, wo wir in zehn Jahren stehen mit mobilen Geräten und dem LIMS?

Dr. Köller: Die Mobilität wird weiter zunehmen und damit wird das Thema Cloud eine größere Rolle spielen, davon bin ich überzeugt. Auch wenn es im Labor verständlicherweise im Moment eher zurückhaltend betrachtet wird. Vom klassischen, datenbankbasierten LIMS werden wir uns nicht verabschieden. Es wird jedoch sein Gesicht ändern, mehr und mehr Funktionen und Informationen werden auch mobil zur Verfügung stehen. Unsere Kunden haben viele Ideen, wir haben viele Ideen und ich freue mich darauf, sie gemeinsam weiter zu entwickeln und umzusetzen.

Herr Dr. Köller, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Martin Wenzel ist IT-Systembetreuer und Projektleiter LIMS bei B. Braun Melsungen. „Die Dokumentation ist nicht bei allen Mitarbeitern beliebt. Aber für uns elementar. Deshalb haben wir ein System entwickelt, welches diesen wichtigen Aspekt unserer Arbeit so leicht wie möglich macht. Die Erfassung aller Daten war sehr arbeitsaufwändig – aber diese Arbeit hat sich gelohnt.“

Sicherheit und verlässliche Qualität gewährleisten

Die Handgeräte sind bei B. Braun übrigens schon in ihrer dritten Generation im Einsatz. Eingeführt wurden die mobilen Helfer bereits im Jahr 2003, um die stetig steigende Anzahl an Proben in den Klimakammern der Stabilitätsprüfungen effizient bewältigen zu können. Denn insbesondere bei Infusionslösungen spielen deren chemische und physikalische Stabilität eine sehr wichtige Rolle.

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Zum Unternehmen

B. Braun Melsungen und ihre Tochtergesellschaften produzieren, vertreiben und verkaufen Produkte und Dienstleistungen zur medizinischen Grundversorgung, für Intensivstationen, Anästhesie und Notfallversorgung, der extrakorporalen Blutbehandlung sowie für die chirurgischen Kernprozesse. Die wesentlichen Produktionsstandorte befinden sich in der EU, der Schweiz, den USA, Brasilien, Vietnam und Malaysia. Die Gesellschaft vertreibt die Produkte über ein weltweites Netz von Tochtergesellschaften und assoziierten Unternehmen. Gegründet wurde das Familienunternehmen im Jahr 1839 im hessischen Melsungen, das inzwischen mit 62 000 Mitarbeitern in 64 Ländern einen Umsatz von 6,8 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Die Proben kommen direkt aus der Produktion und gehen in den speziellen Kammern auf eine klimatische Weltreise. Nur so kann sichergestellt werden, dass in Melsungen produzierte Lösungen auch zum Beispiel in der Wüste oder im Dschungel ihren lebenswichtigen Zweck zuverlässig erfüllen. Viele unterschiedliche Behältertypen und -größen sorgen hier in Verbindung mit einer Vielzahl an prüfrelevanten Faktoren für eine enorme Datenmenge, die mit dem LIMS und den mobilen Geräten nahezu papierlos bearbeitet und dokumentiert wird.

Individuelle Anforderungen stehen im Fokus

Inzwischen sind die mobilen Anwendungen aus dem Laboralltag nicht mehr weg zu denken, ob nun an den Laborarbeitsplätzen oder in der Logistik, die die Rückstellmuster und als zentraler Dreh- und Angelpunkt den Probeneingang bearbeitet. Hier kommen die Proben aus der Produktion über ein ausgeklügeltes Transportsystem an und werden mithilfe eines Barcodes ebenfalls eindeutig identifiziert und im System erfasst.

Dieses System ist über Jahre gewachsen und ständig optimiert worden. Ebenfalls seit 2003 ist das LIMS des Bochumer Unternehmens T&P im Einsatz, inzwischen in der neuesten Version Lisa.lims 10. Und es wird weiter wachsen und in enger Zusammenarbeit mit den Anwendern stetig an die steigenden Anforderungen angepasst. Besonders wertvoll sind dabei die Ideen der Mitarbeiter, die täglich mit den mobilen Geräten arbeiten. Einer der nächsten Schritte wird sein, den Proben Fotos zuweisen zu können – mit einer im Gerät integrierten Kamera. Das war bisher über einen manuellen Upload per Digitalkamera bereits möglich, wird jedoch in Zukunft deutlich einfacher, sicherer und schneller.

* C. Escher: T&P Triestram & Partner GmbH, 44795 Bochum

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