Bei schweren Corona-Erkrankungen sorgt u.a. eine Überreaktion des Immunsystems für Entzündungen in der Lunge. Diese Überreaktion kann ein neuer Therapieansatz abschwächen, der von einer internationalen Forschergruppe untersucht wird. Erste Tests zeigten eine 20 Prozent verringerte Sterblichkeit sowie schnellere Genesung von Patienten.
Ein neuer Therapieansatz verspricht schnellere Genesung und geringere Sterblichkeit bei schwerem Covid-19.
(Bild: Production Perig - stock.adobe.com)
Ein internationales Forschungsteam hat ein neues Therapiekonzept zur Behandlung von virusbedingtem Lungenversagen bei Patienten mit schwerem Covid-19 in einer Phase-II-Studie getestet. Der Ansatz kann möglicherweise auch auf andere Infektionen übertragen werden.
Die klinische Studie hat gezeigt, dass die Hemmung des Fas-Liganden (FasL) bei Covid-19-Patienten zu einer schnelleren Genesung und einer geringeren Sterblichkeit führt. Bei Patienten, die den biotherapeutischen FasL-Hemmer Asunercept verabreicht bekamen, brauchte es im Durchschnitt acht Tage bis zur Genesung im Vergleich zu 13 Tagen in der Kontrollgruppe. Zusätzlich wurde die Sterblichkeit um circa 20 Prozent gesenkt.
Ein System außer Kontrolle
Die physiologische Aufgabe von FasL besteht darin, Zellen des Immunsystems unter Kontrolle zu halten. Dazu tötet der Ligand so genannte T-Lymphozyten, kurz T-Zellen, ab, sobald diese ihre Immun-Aufgabe erfüllt haben. Bei Patienten mit schwerem Covid-19 kommt es jedoch zu einer Überreaktion des Immunsystems, was wiederum zu einer Überproduktion von FasL führt. Das hat zur Folge, dass FasL zu viele T-Zellen abtötet und zudem auch normale Lungenzellen angreift. Dieser vermehrte Zelltod führt zu Lymphopenie, einem Mangel an Lymphozyten im Blut, und zu einer schweren Lungenentzündung, zwei charakteristischen Merkmalen von schwerem Covid-19.
Das neue Therapiekonzept basiert darauf, FasL zu blockieren und dadurch den ungewollten Tod von T-Zellen und Lungenepithelzellen und die daraus resultierende Entzündung zu verhindern.
In vorklinischen Studien in Mäusen hat das Team bereits gezeigt, dass die therapeutische Wirkung der FasL-Hemmung das Überleben von Mäusen mit schwerem Covid-19 deutlich erhöht. Die Dosisfindungsstudie der Phase II mit dem FasL-Hemmer Asunercept wurde als akademisch-industrielle Zusammenarbeit von Professor Dr. Henning Walczak und seinem Team an der Universität zu Köln und dem University College London (UCL) sowie Professor Dr. Michael Bergmann an der Med-Uni Wien und Dr. Thomas Höger der Apogenix GmbH, einem Biotech-Unternehmen aus Heidelberg, initiiert. Die klinische Studie wurde an insgesamt zwölf Studienzentren in Spanien und Russland zwischen Oktober 2020 und Dezember 2021 durchgeführt.
„Wichtig ist, dass die Hemmung des Fas-Liganden auf die Überreaktion des Immunsystems des Wirts und nicht auf das Virus selbst abzielt“, sagt Walczak, der die Apogenix GmbH gegründet hat. „Ich gehe daher davon aus, dass unser Ansatz nicht nur bei künftigen Ausbrüchen beunruhigender SARS-CoV-2-Varianten wirksam sein sollte, sondern möglicherweise auch bei anderen RNA-Virus-Infektionen, die in Zukunft in der menschlichen Bevölkerung auftreten könnten. Insbesondere bevor Impfstoffe gegen solche Viren zur Verfügung stehen, wäre es entscheidend, dass uns solche Medikamente in einer nächsten pandemischen Situation bereits von Anfang an zur Verfügung stehen.“
Im Schnitt fünf Tage schnellere Linderung
Insgesamt nahmen 438 Patienten an der Studie teil. Die Teilnehmenden wurden in vier Gruppen aufgeteilt. Alle Patienten bekamen die „Standard-of-Care“-Behandlung. Zusätzlich wurden in drei der vier Gruppen jeweils verschiedene Dosierungen des FasL-Hemmers Asunercept gegeben (25 Milligramm, 100 Milligramm und 400 Milligramm wöchentlich) und mit der Kontrollgruppe verglichen.
Eine klinische Verbesserung wurde durchschnittlich nach acht Tagen für die Dosierungen 100 und 400 Milligramm und neun Tagen für die 25 Milligramm Dosis erreicht. Die Patienten der Standard-of-Care Kontrollgruppe erreichten nach durchschnittlich 13 Tagen eine klinische Verbesserung. Während eine statistische Signifikanz in den einzelnen Dosisgruppen jeweils knapp verfehlt wurde, ergab eine Post-hoc-Analyse, bei der die drei Asunercept-Dosisgruppen kombiniert wurden, eine signifikante therapeutische Wirkung des FasL-Hemmers im Hinblick auf eine frühere Genesung von durchschnittlich acht statt 13 Tagen in der Kontrollgruppe. Die 100- und 400-Milligramm-Dosen waren zudem mit einer Verringerung der Sterblichkeit um rund 20 Prozent verbunden. Insgesamt konnten in dieser Studie somit die Sicherheit und gute Verträglichkeit des FasL-Hemmers nachgewiesen und äußerst vielversprechende Ergebnisse in Bezug auf die Wirksamkeit dieses Medikaments bei Patienten mit schwerem Covid-19 erzielt werden, wie die Studienautoren berichten.
Therapiepotenzial auch für Grippevirus
Diese Ergebnisse machen die Hemmung von FasL zu einem der wenigen Konzepte, die während der Covid-19-Pandemie als potenziell therapeutisch wertvoll identifiziert wurden. „Auch wenn weitere klinische Studien für die Bestätigung der Wirksamkeit erforderlich sind, zeigt unsere Studie, dass die Gabe des FasL-Hemmers einen positiven therapeutischen Effekt auf die Patienten hat“, sagt Bergmann, der als Chirurg und Forscher an der Med-Uni Wien tätig ist. „Durch die verkürzte Genesungszeit könnte in künftigen Pandemien einerseits die Belastung des Gesundheitssystems und andererseits die Einschränkungen für die Bevölkerung reduziert werden.“ Zudem finden sich erhöhte FasL-Spiegel auch in Proben aus den unteren Atemwegen von Patienten, die nach einer Infektion mit einer pandemischen Version des Influenza-A-Grippe-Virus schwer erkrankt sind. Das Anwendungsgebiet der neuen Therapie könnte also womöglich auf diese Krankheitsgruppe ausgeweitet werden.
Stand: 08.12.2025
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