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Schädliche Chemikalien in Plastikprodukten Vom Plastik in den Mund: Schadstoffmix in Kunststoffen

| Autor/ Redakteur: Melanie Neugart* / Christian Lüttmann

Plastik ist heute überall – auch beim Essen und Trinken. Doch was steckt wirklich in den Kunststoffen, mit denen unsere Nahrung täglich in Kontakt steht? Die Forschungsgruppe Plast X hat unter der Leitung des Instituts für sozial-ökologische Forschung verschiedene Plastikprodukte analysiert. Was die Forscher gefunden haben und wie sie die Alternative „Biokunststoff“ bewerten, erfahren Sie im Folgenden.

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Schöne bunte Plastikwelt – doch wie bedenklich sind Plastikprodukte für unsere Gesundheit? (Symbolbild)
Schöne bunte Plastikwelt – doch wie bedenklich sind Plastikprodukte für unsere Gesundheit? (Symbolbild)
(Bild: gemeinfrei, Hans / Pixabay)

Frankfurt am Main – Kunststoffprodukte sind allgegenwärtig und gelten in vielen Lebensbereichen als unverzichtbar, denn sie sind vielseitig und praktisch. Aber sind sie auch unbedenklich? Die Forschungsgruppe Plast X unter der Leitung des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) hat Alltagsprodukte aus Plastik untersucht und festgestellt, dass Dreiviertel der Produkte schädliche Chemikalien enthalten. Darüber hinaus ist ein Großteil der Substanzen in diesem Chemiekalienmix nicht identifizierbar, so das Ergebnis der Laborstudie.

Kunststoff ist ein wahres Allzweckmaterial. Die Vielfalt an Sorten erlaubt nahezu jegliche Eigenschaft, ob hart oder weich, starr oder elastisch und in beliebiger Form und Farbe. Dazu ist Kunststoff meist sehr günstig zu produzieren und entsprechend in Massen auf dem Markt. Die verschiedenen Eigenschaften erhält das überwiegend aus Erdöl hergestellte Material durch Zusatzstoffe wie Weichmacher, Stabilisatoren und Farbstoffe. Neben dem eigentlichen Plastik entstehen während des Produktionsprozesses auch zahlreiche Neben- oder Abbauprodukte. „In dem komplexen Herstellungsprozess von Kunststoffen entsteht ein regelrechter Cocktail an Substanzen, von denen wir einen Großteil überhaupt nicht kennen“, sagt die Leiterin von Plast X, Carolin Völker.

In einer Laborstudie haben die Wissenschaftler der Forschungsgruppe Plast X nun in 34 Alltagsprodukten aus Kunststoff die Chemikalien hinsichtlich ihrer Gesamttoxizität und ihrer Zusammensetzung untersucht. Die Wissenschaftler analysierten u.a. Joghurtbecher, Trinkflaschen und Shampoo-Flaschen aus acht verschiedenen Kunststofftypen. Um mögliche schädliche Effekte der Chemikalienmischung zu analysieren, wurden die Substanzen im Labor aus den Produkten herausgelöst und in Zelltests untersucht.

Drei von vier Produkten im Test bedenklich

Die Studie lieferte mehrere wichtige Ergebnisse für die Forscher „Wir fanden in drei von vier getesteten Produkten schädliche Substanzen, darunter Chemikalien, die toxisch auf Zellen wirken oder endokrine, also hormonähnliche Effekte hervorrufen,“ berichtet Lisa Zimmermann, Erstautorin der Studie. „Wir haben deutliche negative Auswirkungen in Zelltests beobachtet. Solche Chemikalien sollten nicht in Kunststoffen vorkommen, auch wenn wir nicht wissen, wie sie sich auf unsere Gesundheit auswirken.“

In den Plastiktypen Polyvinylchlorid (PVC) und Polyurethan (PUR) fand sich eine größere Anzahl von Chemikalien und die Effekte waren bedenklicher als etwa die in Polyethylenterephthalat (PET). Nur Proben mit PET oder Hart-Polyethylen (HDPE) zeigten kaum oder gar keine Toxizität in den Zelltests.

„Insgesamt hat uns die große Anzahl verschiedener Chemikalien überrascht, die wir in den getesteten Plastikprodukten nachweisen konnten“, sagt Ökotoxikologin Zimmermann. „Es waren insgesamt mehr als 1400 Chemikalien in den Produkten enthalten. In einzelnen Produkten fanden wir sogar mehr als hundert verschiedene Substanzen.“

Hunderte unbekannte Inhaltsstoffe

Von den 1400 entdeckten Substanzen ließen sich später im Labor jedoch nur 260 identifizieren. „Etwas mehr als 80 Prozent aller nachgewiesenen Substanzen konnten wir mithilfe chemischer Analysen nicht identifizieren“, sagt Zimmermann. „Das heißt, wir wissen zum Großteil nicht, womit wir es in den Kunststoffprodukten zu tun haben. Und wenn wir die Chemikalien nicht kennen, können wir auch nicht bestimmen, ob sie sicher für Mensch und Umwelt sind.“

Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass deswegen die gesundheitlichen Auswirkungen von Chemikalien in Kunststoffen noch weitgehend unbekannt sind. Lediglich einzelne Chemikalien wie das gesundheitsgefährdende Bisphenol A sind bisher gut untersucht.

Nicht alles Plastik war bedenklich für die Gesundheit

Recycling-Code auf einer PET-Flasche
Recycling-Code auf einer PET-Flasche
(Bild: gemeinfrei, 422737 / Pixabay)

Die Studie lieferte aber auch erfreulichere Ergebnisse, wie Plast-X-Projektleiterin Völker feststellt: „Nicht alle der getesteten Plastikprodukte enthielten giftige Chemikalien. Wir sehen also, dass es bereits unbedenklichere Alternativen auf dem Markt gibt.“ PET und HDPE-Produkte gehörten in der durchgeführten Studie dazu. Zu erkennen sind diese Plastiksorten an ihrem Recycling-Code – 01 für PET und 02 für HDPE – der in dem dreieckigen Recycling-Symbol auf den Plastikprodukten zu finden ist.

Was letztlich wirklich in dem jeweiligen Kunststoff steckt, ist für die Verbraucher jedoch unmöglich zu erkennen. Es sei daher wichtig, dass das Thema sicherer Kunststoffe auf die politische Agenda rücke. „Wie unsere Studie zeigt, kann ein Joghurtbecher giftige Chemikalien enthalten, während ein anderer frei davon ist. Für die Kunststoffproduzenten sollte es verbindliche Auflagen geben, die Inhaltsstoffe transparent zu machen und die Unbedenklichkeit ihrer Produkte zu garantieren“, fordern die Forscher.

Strategie: Plastikvermeidung

Doch was kann man als Verbraucher tun? Die Forscher von Plast X raten, Plastikprodukte generell so weit wie möglich zu vermeiden – nicht nur wegen der vielen unbekannten Inhaltsstoffe, sondern auch mit Blick auf das Plastikmüll-Problem. „Es gibt inzwischen viele Möglichkeiten, etwa beim Einkauf auf frische und unverpackte Lebensmittel zurückzugreifen, anstatt in Plastik verschweißte Produkte zu kaufen.“

Zwar werden die wenigsten ganz auf plastikverpackte Lebensmittel verzichten können bzw. wollen, aber jede Verringerung hilft. Schließlich macht bei Schadstoffen letztlich die Konzentration deren Gefährlichkeit aus. „Sollte unter den Einkäufen dann aber doch mal ein in Plastik verpacktes Mikrowellenprodukt sein, sollte das Erhitzen in dieser Verpackung unbedingt vermieden werden, denn insbesondere die Hitze beschleunigt das Übertreten der Chemikalien aus dem Kunststoff in das Lebensmittel“, warnt Ökotoxikologin Völker. Andere Verpackungsalternativen wie etwa Papier oder Karton seien auch nicht unbedingt sicherer, denn hier können ebenfalls Chemikalien in Lebensmittel migrieren.

Das LABORPRAXIS-Dossier „Verbraucherschutz“ Pestizide im Lebensmittel, Mikroplastik in Zahnpasta, Hormone im Trinkwasser? Dank immer sensitiverer Analytik fallen Verunreinigungen in Alltagsprodukten häufiger auf als früher. Im LP-Verbraucherschutz-Dossier finden Sie Forschungsberichte zur Qualität unserer Lebensmittel und Ergebnisse aus weiteren verbraucherrelevanten Projekten.

Bioplastik als gesunde Alternative?

Als „grüne“ Alternative zu herkömmlichen Kunststoffen sind seit einigen Jahren Produkte aus Bioplastik auf dem Markt. Sie werden nicht aus Erdöl, sondern pflanzlich aus Biomasse gewonnen. Doch auch hier erweisen sich Chemikalien als Problem: In der Plast-X-Laborstudie wurden Produkte aus Polymilchsäure (PLA) untersucht, einem gängigen Biokunststoff. Die ernüchternde Erkenntnis der Forscher: Alle diese Produkte enthielten schädliche Chemikalien. „Auch Biokunststoffe sind ja letztlich Kunststoffe, deren Polymere nur aus einer anderen Quelle stammen“, sagt Zimmermann. „Es ist also naheliegend, dass ähnliche negative Effekte auftreten können.“ Um diese Effekte näher zu untersuchen, widmet sich Plast X derzeit in einer weiteren umfassenden Laborstudie Produkten aus Bioplastik.

Die Studie legt also nahe: Wer auf Nummer sicher gehen will für die eigene Gesundheit – und die Umwelt –, der sollte so weit wie möglich auf Plastik verzichten.

Originalpublikation: Lisa Zimmermann, Georg Dierkes Thomas A. Ternes, Carolin Völker, Martin Wagner: Benchmarking the in vitro toxicity and chemical composition of plastic consumer products, Environ. Sci. Technol. (2019); DOI: 10.1021/acs.est.9b02293

* M. Neugart, Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), 60486 Frankfurt am Main

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