English China

Indikator für Stressresilienz Wie stressresistent bin ich? Das Gehirn verrät‘s

Redakteur: Christian Lüttmann

Meeting-Marathon, steigende Arbeitslast, fehlende Ruhepausen – Stress ist belastend für Körper und Psyche. Wie gut jeder einzelne gerade mit lange anhaltendem Stress zurechtkommt, beschreibt die Stressresilienz. Für diese Eigenschaft haben Forscher nun eine objektive Messmethode entwickelt, die Aktivität im Gehirn auswertet und möglicherweise sogar über eine Pupillenreaktion auszulesen ist.

Firmen zum Thema

Gelassen oder gestresst? Das hängt von der Stressresilienz ab. Für diese Eigenschaft haben Forscher nun einen objektiven Indikator gefunden. (Symbolbild)
Gelassen oder gestresst? Das hängt von der Stressresilienz ab. Für diese Eigenschaft haben Forscher nun einen objektiven Indikator gefunden. (Symbolbild)
(Bild: gemeinfrei, Luis Villasmil / Unsplash)

Zürich/Schweiz – Während manchen Menschen Stress wenig auszumachen scheint, kann eine andauernde Stressbelastung bei anderen zu Angst- und Depressionsstörungen führen. Die „Widerstandskraft“ gegen Stress heißt auch Stressresilienz. Doch was das genau ist und wie man diese Eigenschaft objektiv messen kann, wird noch erforscht.

Die ideale Gruppe für einen Stresstest

Bisher ist es kaum möglich, individuelle Reaktionen auf Stress vorauszusagen. Dies liegt u. a. daran, dass sich chronischer Stress in Laborexperimenten nur ungenügend simulieren lässt. Schließlich reicht der Teststress nicht annähernd an die Dauer und Intensität von langanhaltendem Arbeits- und Alltagsstress heran.

Wo lauert das größte Burnout-Risiko? Die 20 verbreitetsten Stress-Faktoren
Bildergalerie mit 24 Bildern

Es ergeben sich jedoch manchmal Möglichkeiten, den natürlichen Alltagsstress einer Personengruppe für wissenschaftliche Untersuchungen zu nutzen. Etwa bei einer Gruppe von Medizinstudenten, die alle kurz vor einer andauernden, realen Belastung stehen – einem Praktikumshalbjahr in der Notaufnahme. Diese Stresssituation hat sich ein Team um Neuroökonomen Marcus Grüschow und Christian Ruff der Universität Zürich (UZH) sowie UZH-Psychologin Birgit Kleim in ihrer Studie zunutze gemacht.

Gehirnaktivität korreliert mit Stress-Symptomen

Kurz vor Beginn des Praktikums wurde den Probanden eine Aufgabe gestellt, in der sie widersprüchliche Informationen verarbeiten mussten. Dabei wird ein Bereich des Gehirns aktiv, der die Reaktion in stressigen Situationen steuert: das so genannte Locus Coeruleus-Norepinephrine System (LC-NE-Erregungs-System). Es hilft, den Informationskonflikt zu überwinden. Die Intensität dieser Aktivierung unterscheidet sich jedoch von Mensch zu Mensch – im Gehirn sind also unterschiedliche Feuerungsraten zu messen.

Die Wissenschaftler überprüften in ihrer Studie, wie stark die Reaktion des LC-NE Systems der Probanden ausgeprägt war und verglichen diese Ergebnisse mit einer psychologischen Befragung im Anschluss an das stressige Medizin-Praktikum der Studenten. Es zeigten sich deutliche Trends. „Je sensitiver das LC-NE-Erregungssystem reagiert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Person bei andauernden Stress Symptome von Angst- und Depressionsstörungen entwickelt“, fasst Neuroökonom Grüschow zusammen.

Resilienz aus den Augen ablesen?

Damit haben die Forscher ein objektives, neurobiologisches Maß gefunden, das die Stressresilienz einer Person voraussagen kann. Diese, nach Wissen der Autoren, erste humane Studie zu dem Thema zeigt, wie Unterschiede in der Erregungsintensität des LC-NE-Systems als Indikator für Stressresilienz genutzt werden können. „Ein objektives Maß zu haben, ob eine Person gut oder weniger gut mit Stress umgehen wird, kann zum Beispiel für die Berufswahl hilfreich sein. Oder es kann bei der Entwicklung von Stressresilienztrainings mit Neurofeedback eingesetzt werden“, beschreibt Grüschow mögliche Anwendungen.

Das heiße nicht, dass jede angehende Ärztin oder Polizistin in den Hirnscanner muss. „Es könnte einen noch einfacher zugänglichen Indikator für die Stressresilienz geben“, sagt Grüschows Kollege Ruff. Man wisse aus der Tierforschung, dass mit der Erregung des LC-NE-Systems Veränderungen der Pupillen einhergehen. „Wenn wir eine analoge Reaktion der Pupillen bei Menschen mit der Aktivierung des LC-NE-Systems in einen kausalen Zusammenhang bringen können, das würde ein weiteres Feld eröffnen“, deutet der Wissenschaftler an. Vielleicht könnte dann über einen Augenscan die Stressresilienz gemessen werden. Ein ähnliches Messverfahren ist bereits für das Erkennen von Depressionen untersucht worden.

Originalpublikation: Grueschow, M., Stenz, N., Thörn, H. et al. Real-world stress resilience is associated with the responsivity of the locus coeruleus, Nat Commun 12, 2275 (2021). DOI: 10.1038/s41467-021-22509-1

(ID:47352529)