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Jahresbilanz Chemieindustrie Blaues Auge für die Chemie: So kommt die Branche durch die Krise

Redakteur: Dominik Stephan

Deutschlands Chemieindustrie kommt überraschend gut durch die Krise: Nachdem der befürchtete Einbruch zum Jahresende ausgeblieben ist, will die Branche schon 2021 auf Vorkrisenniveau zurück. Dabei helfen soll auch eine „Wunschliste“ an die neue Bundesregierung…

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(Bild: VCI)

Frankfurt – Das sah schon mal schlimmer aus: Während die Dienstleistungsunternehmen im Dauer-Lockdown verharren, erholt sich die Industrie zusehends. Nicht zuletzt dank einer starken Nachfrage aus Asien können die produzierenden Unternehmen ihre Aufholjagd fortsetzen. Zwar bleibt unterm Strich für 2020 ein Minus in den Büchern, doch schon im laufenden Jahr könnte das Vorkrisen-Niveau erreicht werden, meint der VCI.

Leere Lager der Kunden sowie die Angst der Firmen vor gestörten Lieferketten bescheren der Chemie einen kleinen Auftrags-Boom: Bis zum Dezember stiegen die Bestellungen bei den Branchenunternehmen stetig. In Folge dessen legte der Umsatz im vierten Quartal um satte 8,1 Prozent, die Produktion immerhin um 7,4 Prozent gegenüber Q3 zu. Davon profitierte besonders die (zuvor aber auch härter getroffene) Chemie: Im klassischen Chemiegeschäft – also ohne die Pharmasparte – betrug das Plus sogar 9,2 Prozent.

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„Der Dämpfer durch den neuerlichen Lockdown ist bisher ausgeblieben“, erklärte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup. Zwar bleibt für 2020 unterm Strich ein sattes Umsatzminus von -4,4 Prozent, jetzt aber seien Lage und Erwartungen der Branche positiv. Die Produktion kann zum Jahresbeginn mit 85 Prozent Auslastung nicht über Unterbeschäftigung klagen, und die Beschäftigtenzahlen bleiben mit 464.000 Mitarbeitern stabil.

Besser als befürchtet: Nachfrage aus Asien und leere Lager sorgen bei Chemiefirmen für volle Bücher

Damit kommt der drittgrößte Industriesektor des Landes besser als befürchtet durch die Corona-Krise: Mit einem erwarteten Produktionsplus von drei Prozent und einen Umsatzzuwachs von fünf Prozent auf knapp 200 Milliarden Euro (nicht zuletzt dank steigender Preise) könnte noch im laufenden Jahr das Vorkrisen-Niveau erreicht werden, heißt es aus Frankfurt.

Noch im Dezember rechnete der VCI mit lediglich 1,5 Prozent Produktionssteigerung und einem Umsatzplus von 2,5 Prozent. Dank des überraschend positiven Jahresendes und der massiv gestiegenen Nachfrage aus China schrumpfte die Produktion der chemisch-pharmazeutischen Industrie im Gesamtjahr 2020 „nur“ um 0,8 Prozent. Rechnet man Pharma heraus, bleibt ein Rückgang um 1,0 Prozent. Während die Hersteller von anorganischen Grundstoffen (-4,1 Prozent) und Polymeren (-3,1 Prozent) ihre Produktion zurückfahren mussten, stieg die Produktion von Petrochemikalien leicht (+1,4 Prozent). Auch Fein- und Spezialchemikalien (-2,1 Prozent) und überraschenderweise sogar die Konsumchemikalienhersteller (-1,8 Prozent) gaben nach – zwar blieben Desinfektions- und Hygieneprodukte gefragt, doch Kosmetika schwächeln in Zeiten von Homeoffice und Ausgangssperren.

Noch nicht über den Berg: Diese drei Risiken gefährden den Aufschwung

VCI-Hauptgeschäftsführer Große Entrup spricht von einem „blauen Auge“ für die Branche: Zwar werde der „immer länger andauernde Lockdown nicht spurlos an der chemisch-pharmazeutischen Industrie vorbeigehen“, trotzdem rechne er damit, dass die Pandemie überwunden werden und die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte wieder Fahrt aufnehmen könne.

Allerdings gäbe es auch massive Störfaktoren in den eingespielten Wertschöpfungsketten: So seien einige Lieferanten in ernsthaften Schwierigkeiten, so dass Kunststoffvorprodukte, aber auch Komponenten für Stahl und Elektronik fehlen.

Grenzkontrollen, fehlende Frachtkapazitäten, lange Lieferzeiten und hohe Transportkosten erschweren die Logistik der hochvernetzten Produktion (etwa 80 Prozent der Chemieprodukte gehen direkt an andere Industriesektoren zur Weiterverarbeitung). Dazu kommen die fehlenden Dienstreisen, die Kundenakquise und gemeinsame Entwicklungsprojekte austrocknen.

Ist denn schon Weihnachten? Das wünscht sich die Chemie von der neuen Bundesregierung

„Die Chemie ist ein Katalysator für die Rückkehr aus dem tiefen Tal“ betont Große Entrup die Rolle der Branche für die Überwindung der Corona-Folgen. Damit es so bleibe, hat der VCI-Hauptgeschäftsführer auch an einen Wunschzettel der Branche an die neue Bundesregierung gedacht: So müsse der immense Investitionsstau bei Infrastrukturprojekten genauso wie eine umfassende Digitalisierung von Behörden und Schulen angegangen werden. Auch die im internationalen Vergleich sehr hohen Energiekosten, hohe Unternehmenssteuern und komplexe Bürokratie gehörten aus Sicht des VCI auf die Agenda, damit „Deutschland nicht zum Industriemuseum verkümmert“.

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Dabei seien die flankierenden Rahmenbedingungen für Transformationsprozesse der Wirtschaft nötig, genauso wie die finanzielle Unterstützung entsprechender Projekte. Eine wie auch immer geartete grüne Beteiligung an der Bundesregierung ist für die Chemie kein Schreckgespenst mehr, auch wenn die Branchenvertreter wenig überraschend vor ideologischen Grabenkämpfen oder Scheuklappen warnen.

Das Ziel müsse ein „selbsttragender Aufschwung“ sein, der die deutsche Wirtschaft unabhängiger von Staatshilfen und schwankenden Auslandsaufträgen mache – alleine darauf verlassen, dass China nach der Finanzkrise 2008/2009 ein zweites Mal als Wachstumslokomotive die deutsche Industrie aus dem Sumpf zieht, will man sich in Frankfurt offensichtlich nicht.

(ID:47290233)