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Rekonstruktion einer alten Pandemie Was Pollen über die Pest verraten

Quelle: Pressemitteilung

Vor fast 700 Jahren wütete eine Pandemie, deren Ruf womöglich schlimmer ist als bisher gedacht: die Pest. Anhand von Pollenanalysen zeigen Forscher eines internationalen Teams nun, wo der Schwarze Tod besonders heftig zuschlug – und wo nicht.

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Das Moor von Bagno Kusowo ist eines der am besten erhaltenen baltischen Hochmoore in Nordpolen. Der Standort gibt Aufschluss über die Häufigkeit von Bränden und die Vegetationsänderungen im letzten Jahrtausend.
Das Moor von Bagno Kusowo ist eines der am besten erhaltenen baltischen Hochmoore in Nordpolen. Der Standort gibt Aufschluss über die Häufigkeit von Bränden und die Vegetationsänderungen im letzten Jahrtausend.
(Bild: Mariusz Lamentowicz)

Jena – Der Schwarze Tod, der über Europa, Westasien und Nordafrika zwischen 1347 und 1352 herfiel, zählt zu den bekanntesten Pandemien der Geschichte. Historiker schätzen, dass nahezu die Hälfte der europäischen Bevölkerung daran verstarb, was für zahlreiche religiöse und politische Strukturwechsel sorgte. Über DNA-Untersuchungen identifizierten Forscher bereits Yersinia pestis als den Krankheitserreger der Pest und verfolgten dessen Entwicklung über Jahrtausende zurück. Wie sich die Pest jedoch demographisch auswirkte, blieb bislang wenig erforscht und kaum verstanden.

Einem internationalen Forscherteam gelang es nun zu zeigen, dass die hohe Mortalität der Pest in Europa nicht so weitverbreitet war, wie bislang angenommen. Die neuen Analysen unterstützen einerseits die bisherigen Erkenntnisse, dass bestimmte europäische Regionen besonders schwer von der Pest getroffen wurden. Sie zeigen andererseits jedoch auch, dass die Krankheitswelle nicht alle Regionen gleichermaßen schwer getroffen hat.

Wie heftig traf die Pest die Menschen von damals?

Der Big Data Palaeoecology-Ansatz zur Verifizierung der Mortalität der Pest
Der Big Data Palaeoecology-Ansatz zur Verifizierung der Mortalität der Pest
(Bild: Adam Izdebski, Timothy Newfield, Hans Sell, Michell OReilly; Izdebski et al., Nature Ecology & Evolution, 2022)

Um die demographischen Auswirkungen der Pest zu rekonstruieren, untersuchten die Wissenschaftler Sporen und Pollenkörner. Aus den Pollendaten ermittelten sie, welche Pflanzen in welchen Mengen angebaut wurden und leitete daraus ab, in welcher Region der Ackerbau zum Stillstand kam oder weiterbetrieben wurde – also wo vermutlich durch die Pest viele Menschen starben. In der Studie verwendeten die Wissenschaftler einen neuen Ansatz, genannt Big-data paleoecology (BDP), und analysierten 1.634 Pollenproben, die an Orten in gesamt Europa gesammelt wurden.

Einen besonders starken Rückgang landwirtschaftlicher Aktivität erlebten demnach Skandinavien, Frankreich, Südwestdeutschland, Griechenland und Mittelitalien, was auch mit den hohen Sterblichkeitsraten korreliert, die in mittelalterlichen Quellen beschrieben werden. Zentral- und Osteuropa sowie Teile Westeuropas, darunter Irland und die Iberische Halbinsel, zeigen hingegen Anzeichen für Kontinuität und ununterbrochenes Wachstum. Hier traf die Pest die Menschen wohl nicht so stark.

Inwieweit sich die Ergebnisse aus den Pollenanalysen tatsächlich mit der Mortalität der Bevölkerung bzw. der Pestfolgen verknüpfen lassen, müssen die Wissenschaftler noch genau prüfen und Erklärungsansätze finden. „Doch lokale kulturelle, demographische, ökonomische, ökologische und soziale Gegebenheiten hatten wahrscheinlich einen Einfluss auf die Verbreitung, die Infektionsrate sowie die Sterblichkeit von Y. pestis“, sagt Alessia Masi vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und der Universität La Sapienza in Rom, die an der Studie mitgewirkt hat.

Pandemieanalyse nach 700 Jahren

Vom BDP-Ansatz ermittelte regionale Szenarien der demografischen Auswirkungen der Pest. Die Farben spiegeln die Veränderungen in den Getreidepollenindikatoren im Hundertjahresmaßstab wider. Hintergrundkarte mit den politischen Grenzen des Europas des 14. Jahrhunderts.
Vom BDP-Ansatz ermittelte regionale Szenarien der demografischen Auswirkungen der Pest. Die Farben spiegeln die Veränderungen in den Getreidepollenindikatoren im Hundertjahresmaßstab wider. Hintergrundkarte mit den politischen Grenzen des Europas des 14. Jahrhunderts.
(Bild: Hans Sell, Michelle O’Reilly, Adam Izdebski; Izdebski et al., Nature Ecology & Evolution, 2022)

Die Studie verdeutlicht eine Schwierigkeit bei der Erforschung der Pestfolgen: Viele der quantitativen Quellen stammen aus urbanen Gebieten, welche besonders durch beengte Räumlichkeiten und schlechte Hygiene gekennzeichnet waren. So kann sich ein verzerrtes Bild der Pest ergeben, weil sich der Erreger in diesen Ballungszentren viel schneller ausbreiten konnte und mehr Menschenleben forderte. In der Mitte des 14. Jahrhunderts lebten jedoch mehr als dreiviertel der europäischen Bevölkerung in ländlichen Regionen. Die aktuelle Studie zeigt, dass für die Untersuchung der Mortalität in einer bestimmten Region Daten aus lokalen Quellen rekonstruiert werden müssen, um etwaige Veränderungen der örtlichen Landschaft zu bestimmen.

„Es gibt kein einziges Modell für ‚die Pandemie‘ oder den ‚einen Pestausbruch‘, welches für egal welchen Ort und egal zu welchem Zeitpunkt angewendet werden kann“, betont Adam Izdebski, Leiter der Palaeo-Science and History-Gruppe am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. „Pandemien sind komplexe Phänomene, die jedoch auch regional und lokal unterschiedliche Ausprägungen aufweisen. Was wir schon während der Covid-19-Pandemie erleben konnten, haben wir nun auch für die Pest gezeigt.“

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Die Unterschiede in der Mortalität in Europa zeigen, dass die Pest eine dynamische Krankheit war und insbesondere kulturelle, ökologische, ökonomische und klimatische Faktoren einen entscheidenden Einfluss auf ihre Verbreitung und Auswirkungen hatten. Die Forscher hoffen, dass in Zukunft mehr Studien paläoökologische Daten nutzen werden, um zu verstehen, wie diese Variablen bei der Entstehung vergangener und gegenwärtiger Pandemien zusammenwirken.

Originalpublikation: Izdebski A., Guzowski P., Poniat R., Masci L., Palli J., Vignola C., Bauch M., Cocozza C., Fernandes R., Ljungqvist F.C., Newfield T., Seim A., Abel-Schaad D., Alba-Sánchez F., Björkman L., Brauer A., Brown A., Czerwiński S., Ejarque A., Fiłoc M., Florenzano A., Fredh E.D., Fyfe R., Jasiunas N., Kołaczek P., Kouli K.,1, Kozáková R., Kupryjanowicz M., Lagerås P., Lamentowicz M., Lindbladh M., López-Sáez J.A., Luelmo-Lautenschlaeger R., Marcisz K., Mazier F., Mensing S., Mercuri A.M., Milecka K., Miras Y., Noryśkiewicz A. M., Novenko E., Obremska M., Panajiotidis S., Papadopoulou M.L., Pędziszewska A., Pérez-Díaz S., Piovesan G., Pluskowski A., Pokorny P., Poska A., Reitalu T., Rösch M., Sadori L., Sá Ferreira C., Sebag D., Słowiński M., Stančikaitė M., Stivrins N., Tunno I., Veski S., Wacnik A., Masi A: Palaeoecological Data indicates land-use changes across Europe linked to spatial heterogeneity in mortality during the Black Death pandemic, Nature Ecology & Evolution, published 10 February 2022; DOI: 10.1038/s41559-021-01652-4

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