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Nadelstichverletzungen Was sind„Sichere Instrumente“ nach der neuen Biostoffverordnung?

| Autor / Redakteur: Andreas Wittmann* / Dipl.-Chem. Marc Platthaus

Nadelstichverletzungen bergen vielfältige Risiken und zählen weltweit zu den häufigsten Arbeitsunfällen. Zum Schutz der Beschäftigten gelten durch die neue Biostoffverordnung seit Juli dieses Jahres schärfere Regeln, die auch Auswirkungen für Laborärzte und Laboratorien haben.

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Abb. 1: Durch Nadeln sind die Mitarbeiter bei der Blutabnahme Gefahren ausgesetzt.
Abb. 1: Durch Nadeln sind die Mitarbeiter bei der Blutabnahme Gefahren ausgesetzt.
(Bild: © Gina Sanders - Fotolia.com)

Wenn wir im deutschsprachigen Raum von „Nadelstichverletzungen“ (NSV) sprechen, meinen wir nicht nur die Stiche selbst, sondern jegliche Stich-, Schnitt- oder Kratzverletzung an scharfen oder spitzen Gegenständen (Kanülen, Skalpellen oder Ähnlichem), die durch Patientenblut oder Körperflüssigkeiten verunreinigt gewesen sein können – unabhängig davon, ob die Wunde geblutet hat oder nicht. Weshalb sie beachtet werden müssen, ist nahe liegend: Auf diesem Weg können Krankheitserreger oder andere gefährliche Stoffe übertragen werden. Als besonders gefährlich gelten Verletzungen an diagnostischen Medizinprodukten, wie blutgefüllten Hohlnadeln oder mit Blut kontaminierten Lanzetten. Denn sie ermöglichen die Übertragung besonders großer Blutmengen. Schon die erste Fassung der Technischen Regel für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA) 250 aus dem Jahr 2003 hatte eigentlich den Arbeitgeber angehalten, unter bestimmten Voraussetzungen so genannte „Sichere Instrumente“ zur Vermeidung von NSV zu verwenden. In mehreren Novellen wurde diese Aufforderung immer strikter gefasst. Seit 2008 ist die Anwendung sicherer Produkte immer dann obligatorisch, wenn bei akzidentellen Stichverletzungen mit der Übertragung von infektionsrelevanten Blut- oder Körperflüssigkeitsmengen zu rechnen ist. Nach herrschender Meinung ist dies bei nahezu allen Verletzungen an perkutan verwendeten Instrumenten der Fall.

Nadelstichverletzungen und Anforderungen des Arbeitsschutzes

Häufig war moniert worden, dass dieses wichtige Anliegen „nur“ in einer „Technischen Regel“ zur Sprache komme und keine höherwertige Rechtsvorschrift sei. Zudem hatten die Erfahrungen in nahezu allen EU-Mitgliedsländern gezeigt, dass die nationalen Regelungen nicht geeignet waren, europaweit die Gefahr von Nadelstichverletzungen nachhaltig zu verringern. Aus diesem Grund wurde im Jahr 2010 die Richtlinie 2010/32/EU unterzeichnet. Diese so genannte Nadelstichrichtlinie verfolgt das Ziel, für die Beschäftigten im Gesundheitsdienst ein Arbeitsumfeld mit größtmöglicher Sicherheit zu schaffen. Sie enthält konkrete Vorschriften, wie Arbeitnehmer vor Verletzungen durch scharfe oder spitze medizinische Instrumente zu schützen sind. Die Rangfolge der zu ergreifenden Schutzmaßnahmen ist vergleichbar mit der des Risikomanagements nach DIN EN ISO 14971: Prinzipiell ist eine Gefahr an der Quelle zu bekämpfen. Gelingt dies nicht, sind technische Schutzmaßnahmen erforderlich. Sollten diese nicht ausreichen, ist durch eine geeignete Arbeitsorganisation eine Trennung von Mensch und Gefahr anzustreben. Persönlich wirksame Schutzmaßnahmen folgen an letzter Stelle. Die EU-Richtlinie musste bis zum 11. Mai 2013 in nationales Recht umgesetzt werden. In Deutschland ist dies im Rahmen der neuen Biostoffverordnung (BiostoffV) zum 23. Juli 2013 geschehen.

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Zukünftig wird auch der Norm DIN EN ISO 23908 mit dem Titel „Schutz vor Stich- und Schnittverletzung – Anforderungen und Prüfverfahren – Schutzeinrichtungen für einmalig zu verwendende Kanülen zur subkutanen Injektion, Kathetereinführungen und Kanülen zur Blutentnahme“ aus dem Jahr 2013 eine größere Bedeutung zukommen. Sie ist seit Oktober gültig und wird demnächst von der Europäischen Kommission in die Liste der „Harmonisierten Normen“ aufgenommen.

Der Arbeitgeber ist in der Pflicht

Damit ist der Arbeitgeber unausweichlich aufgefordert, die Belange des Arbeitsschutzes in Bezug auf Tätigkeiten mit Biostoffen in seine betriebliche Organisation einzubinden und die hierfür erforderlichen personellen, finanziellen und organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen. Neu gegenüber der Vorgängerfassung sind unter anderem die sehr detaillierten Vorschriften zur Gefährdungsbeurteilung und die deutlich erweiterten Dokumentationspflichten des Arbeitgebers. Hierzu ist auch zu ermitteln, ob für die jeweilige Tätigkeit „Sichere Instrumente“ zur Vermeidung von Nadelstichverletzungen eingesetzt werden können. Ausnahmen von einer derartigen Verpflichtung bestehen nur, wenn für den entsprechenden Eingriff keine Sicherheitsprodukte angeboten werden (z.B. für die Punktion kleinster Venen bei Säuglingen) oder mit der Verwendung eine Gefährdung des Patienten verbunden wäre – was in der Regel ebenso wenig der Fall ist wie die dritte denkbare Ausnahme, nämlich der definitive Ausschluss einer Infektionsgefährdung. Denn in aller Regel kann eine Infektion des Patienten mit einem gefährlichen Keim nicht ausgeschlossen werden und dann reichen bereits kleinste Blutmengen, wie sie unter anderem bei NSV an subkutan verwendeten Nadeln vorkommen, um erregerhaltiges Blut zu übertragen. Damit müssen Arbeitgeber im Gesundheitswesen, also Krankenhäuser, Pflegeheime, aber auch niedergelassene Ärzte, nun ihren abhängig beschäftigten Mitarbeitern „Sichere Instrumente“ zur Verfügung stellen, wenn sie diese mit perkutanen Eingriffen wie Injektionen oder Blutentnahmen betrauen. Die Nichtverwendung kann eine Ordnungswidrigkeit darstellen, die mit Bußgeldern belegt werden kann.

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