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Hochschulausbildung Biotechnologie

Biotechnologen praxisnah ausbilden – wie gelingt's?

| Redakteur: Dr. Ilka Ottleben

Der Bologna-Prozess hat viele Hochschulen hart getroffen und drohte mitunter auf Kosten der Ausbildungsqualität zu gehen. In den Naturwissenschaften hängt letztere zudem auch an der (labor-) technischen Ausstattung. Wie schafft man es heute, Studierende gut und praxisnah auszubilden? Das erklärte uns Prof. Dr. Jürgen Hannemann, der an der Hochschule Biberach Nachwuchs im Fachbereich Biotechnologie ausbildet, im LP-Exklusivinterview.

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Prof. Dr. Jürgen Hannemann vertritt an der Fakultät Biotechnologie der Hochschule Biberach die Lehrgebiete Zellkulturtechnik und Good Manufacturing Practise.
Prof. Dr. Jürgen Hannemann vertritt an der Fakultät Biotechnologie der Hochschule Biberach die Lehrgebiete Zellkulturtechnik und Good Manufacturing Practise.
(Bild: Stefan Sättele)

LP: Herr Prof. Hannemann, Hochschulen haben es in anspruchsvoller und dynamischer werdenden Zeiten mitunter nicht leicht, den Nachwuchs nach den Anforderungen des Arbeitsmarktes auszubilden. Gelingt Ihnen das?

Prof. Dr. Jürgen Hannemann: Da wir als Fakultät Biotechnologie der Hochschule Biberach unseren ersten Studiengang 2006 bereits als Bachelorstudiengang beginnen konnten, war keine Umstellung des Studiengangs von Diplom auf Bachelor erforderlich, was üblicherweise bei vielen Hochschulen mit einer Kürzung von Lehrinhalten verbunden war.

Unsere Biotechnologie-Studiengänge (Pharmazeutische – und Industrielle Biotechnologie) sind 7-semestrig, wobei das Praxissemester im 6. Semester stattfindet und im 7. Semester die Bachelorarbeit erstellt wird. Eine Besonderheit unserer Gründung war sicherlich, dass wir unseren ersten Studiengang auf Initiative der lokalen pharmazeutischen Industrie und mit deren finanzieller Unterstützung gegründet haben. So haben die beiden pharmazeutischen Unternehmen Boehringer Ingelheim und Rentschler uns nicht nur finanziell unterstützt, sondern uns auch beim Bau unseres Lehr- und Forschungsgebäudes beraten.

Diese Beratung haben wir über einen eigens gegründeten Wissenschaftlichen Beirat erhalten, in dem verschiedene Unternehmen und nationale und internationale Hochschulen vertreten waren. Der Beirat half uns nicht nur bei Ausstattungsdetails unseres Lehrgebäudes wie der Versorgung der Labore mit Reinstwasser, Reinstdampf und Druckluft, sondern auch bei der Auswahl wichtiger Laborgeräte wie Fermenter- und Chromatographie-Anlagen sowie Analytik-Geräten für die Lehre. Viele dieser Laborausstattungsmerkmale suchen in Deutschland auf Hochschulebene sicherlich ihresgleichen.

LP: Qualität bekommt bei Ihnen aber noch eine weitere Dimension mit der Good Manufacturing Practice, kurz GMP. Diese Qualitätssicherungsregularien, die europaweit bei der Herstellung von Wirkstoffen und Arzneimitteln zu befolgen sind, spielen bei der Ausbildung Ihrer Studenten eine besondere Rolle. Inwiefern?

Prof. Dr. Hannemann: Unsere, ich möchte sagen, herausragende Laborausstattung hat sicherlich wesentlich dazu beigetragen, dass wir uns in den vergangenen zwölf Jahren einen sehr guten Namen im Bereich der biotechnologischen Herstellung erwerben konnten. Da einige Kollegen unserer Fakultät aus dem industriellen GMP-Umfeld stammen, war es nur konsequent, dass wir GMP nicht nur als Lehrfach ins Curriculum aufnahmen, sondern auch Laborpraktika unter GMP-ähnlichen Bedingungen durchführen. Unsere Studierenden werden praxisnah und auf hohem Niveau ausgebildet.

LP: Seit kurzem steht der Fakultät Biotechnologie ein MALDI-TOF-Massenspektrometer zur Verfügung. Welche Analysen sollen hiermit durchgeführt werden?

Prof. Dr. Hannemann: Vorab nebenbei bermerkt: Der hohe Standard im Bereich der Laborausstattung ist nicht nur ein Segen, sondern hat auch zur Folge, dass der technische Erhalt unseres modernen Geräteparks auch hohe Wartungs- und Reparaturkosten nach sich zieht. Unabhängig hiervon sind wir natürlich bemüht, diesen hohen Laborstandard aufrechtzuerhalten, also auch zwölf Jahre nach unserer Gründung möglichst moderne Laborgeräte für die Ausbildung unserer Studierenden zu beschaffen. Dies fällt einer kleinen Hochschule wie der unseren nicht leicht. Daher waren wir sehr froh, dass Boehringer Ingelheim uns ein sehr gut erhaltenes MALDI-TOF-Massenspektrometer (Biotyper) zur Verfügung gestellt hat. Zusammen mit der Software und Datenbank von Bruker ist es uns jetzt möglich, im Bereich der Differenzierung von Mikroorganismen ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Keimdifferenzierung ist tägliches Business im industriellen Reinraum-Hygienemonitoring. Arbeitstechniken basierend auf biochemischen Tests und Sequenzanalysen ribosomaler RNA werden bei uns in der Lehre der pharmazeutischen Biotechnologie in der Mikrobiologie vermittelt. Im Gegensatz zu diesen eher traditionellen Methoden, bietet der Biotyper ganz andere Möglichkeiten und auch eine andere Präzision bei der Keimdifferenzierung. Während vor der Anwendung der klassischen Analysemethoden oftmals Untersuchungen wie beispielsweise Gram-Färbungen und die mikroskopische Ermittlung der Keimmorphologie durchgeführt werden müssen, sind diese Arbeiten vor der Nutzung des Biotypers nicht erforderlich.

LP: Was heißt das konkret für die Studierenden?

Prof. Dr. Hannemann: Software und Datenbank wurden uns zusammen mit dem Gerät zur Verfügung gestellt, natürlich auch um unseren Studierenden eine Ausbildung mit diesen „State-of-the-Art“-Anlagen zu ermöglichen. Das heißt, mit dem Biotyper und der Datenbank ist uns jetzt die uneingeschränkte und industrienahe Nutzung des MALDI-TOF-Massenspektrometers möglich. Sicherlich werden wir unsere Lehrinhalte nicht komplett umstellen, sondern es erscheint uns sinnvoll, dass die Studierenden klassische Analysemethoden ebenso erlernen, wie die Nutzung des modernen Biotypers. Hierzu werden wir das MALDI-TOF-Massenspektrometer zunächst als Instrument benutzen, um die Keimdifferenzierung zu bestätigen und die Studierenden in diese neue Technologie einzuführen. Darüber hinaus wird es uns möglich, bestimmte Mikroorganismen aus anderen Lehrveranstaltungen direkt mit dem Biotyper zu bestimmen und darüber hinaus unsere Expertise im Bereich der Proteinanalytik weiter auszubauen.

Herr Prof. Hannemann, vielen Dank für das Gespräch.

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