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Enzephalitis-Erreger identifiziert Bornavirus als Auslöser für schwere Entzündungen des Gehirns

| Redakteur: Christian Lüttmann

Vertreter der Bornaviren stehen schon länger im Verdacht, eine oft tödlich endende Gehirnentzündung (akute Enzephalitis) beim Menschen auszulösen. Nun haben Untersuchungen des Friedrich-Loeffler-Instituts und mehrerer Unikliniken erstmals diesen Verdacht bestätigt: Sie wiesen das „klassische “ Bornavirus bei vier Patienten als sehr wahrscheinlichen Auslöser für die Erkrankung nach.

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Neue Krankheitsfälle entlarven "klassische" Bornaviren als Auslöser für Enzephalitis beim Menschen. (Symbolbild)
Neue Krankheitsfälle entlarven "klassische" Bornaviren als Auslöser für Enzephalitis beim Menschen. (Symbolbild)
(Bild: Pixabay/VSRao)

Greifswald – Das „klassische“ Bornavirus (Borna disease virus 1, kurz: BoDV-1) ist der Erreger der seit dem 19. Jahrhundert bekannten Bornaschen Krankheit. Er wird von Feldspitzmäusen übertragen, die ihm als natürliches Reservoir dienen. Wenn sich Fehlwirte über den Urin oder Speichel der Mäuse anstecken, können sie an einer seltenen chronisch-fortschreitenden Entzündung des Gehirns erkranken, bekannt als Meningoenzephalitis. Besonders Pferde und Schafe sind davon betroffen.

Die Rolle von BoDV-1 für den Menschen wurde in den 90er-Jahren kontrovers diskutiert. Mediziner zogen es als Auslöser für psychiatrische Erkrankungen in Betracht, aber diese Vermutung konnte wissenschaftlich nicht bestätigt werden. Bislang verbreiten sich Bornaviren von Tier zu Tier. Wissenschaftler beobachten aber aufmerksam, ob sich ein Bornavirenstamm so weiterentwickelt, dass er sich auch vom Tier auf den Menschen überträgt – also eine Zoonose eintritt.

Bornavirus als Enzephalitis-Erreger

Nun berichtet das Friedrich-Loeffler-Institut von vier Enzephalitis-Fällen beim Menschen. Drei der Betroffenen waren nach einer Organtransplantation desselben Spenders an der Gehirnentzündung erkrankt. Die Untersuchungen dieser Fälle belegen erstmals, dass das Bornavirus ein Auslöser für Enzephalitis beim Menschen ist.

In den vier akuten Fällen konnten Wissenschaftler hohe Konzentrationen Bornavirus-spezifischer Antikörper im Blut der Patienten nachweisen. Andere Erreger, die als Verursacher von Enzephalitiden bekannt sind, wurden hingegen nicht gefunden. Daraus schließen die Experten, dass das BoDV-1 der Auslöser der Gehirnentzündung bei diesen Betroffenen war.

BoDV-1 unterscheidet sich von dem im Jahr 2015 bei Züchtern exotischer Hörnchen als Verursacher von Enzephalitis beschriebenen Bornavirus der Hörnchen (VSBV-1, Variegated Squirrel Borna Virus 1; Spezies Mammalian 2 Bornavirus).

„Sehr seltene Einzelfälle“

Im Falle der Organempfänger erfolgte die Ansteckung über die Transplantation. Die Gesellschaft für Virologie weist in einer Stellungnahme aber darauf hin, dass diese Ansteckungsfälle eine große Ausnahme sind: „Es ist davon auszugehen, dass es sich bei den jetzt beschriebenen zoonotischen BoDV-1-Infektionen des Menschen um sehr seltene Einzelfälle handelt.“

Aufgrund dieses Umstands sei eine Routine-Diagnostik von BoDV-1 bei Organspendern derzeit noch nicht zu empfehlen, zumal es noch keine medizinisch gesicherten Nachweisverfahren gebe, heißt es weiter.

Regional beschränkte Übertragung

Der Organspender, die Patientin, die nicht im Zusammenhang mit der Organtransplantation steht und ein weiterer noch abzuklärender Fall könnten sich möglicherweise über die Ausscheidungen von Feldmäusen angesteckt haben. Denn auffällig ist, dass alle Patienten aus einem der bekannten Verbreitungsgebiete des regional beschränkten Virus stammen. Wie sich die Betroffenen tatsächlich angesteckt haben, lässt sich jedoch nicht mit Sicherheit sagen.

Untersuchungen zum Übertragungsweg von BoDV-1 sind in Vorbereitung, unter anderem im vom FLI koordinierten und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsverbund „ZooBoCo“. Eine natürliche Mensch-zu-Mensch-Übertragung durch Virusausscheidung sei anhand der vorliegenden Fälle weiterhin nicht anzunehmen, gibt die Gesellschaft für Virologie an.

Geringes Restrisiko bei Organtransplantationen

Auch wenn Menschen sich nicht auf natürlichem Weg gegenseitig mit den Bornaviren anstecken können: Bei Organtransplantationen besteht dennoch die sehr geringe Gefahr einer Infektion. Dies zeigen nicht nur die aktuellen Fälle – Auch in der wissenschaftlichen Literatur sind sehr seltene Enzephalitisfälle nach Organtransplantationen beschrieben, die durch unterschiedliche Viren (Humanes Herpesvirus 6, West-Nil-Virus, Masernvirus u.a.) ausgelöst wurden.

Aufgrund der aktuellen Studienergebnisse sollten Ärzte bei unklaren menschlichen Enzephalitis-Erkrankungen daher auch BoDV-1 in die Liste der möglichen Auslöser mit aufnehmen und den Patienten darauf untersuchen.

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