Suchen

Sonnenuntergang gibt die Flugrichtung an

Der Kompass der Fledermäuse

| Autor/ Redakteur: Jan Zwilling* / Christian Lüttmann

Echoortung allein genügt nicht. Migrierende Fledermäuse nutzen auch visuelle Reize zur Orientierung. So fanden Forscher des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung heraus, dass der Sonnenuntergang entscheidend ist, damit die Fledermäuse ihren inneren Kompass korrekt kalibrieren.

Firmen zum Thema

Mückenfledermaus Pipistrellus-pygmaeus beim Flug
Mückenfledermaus Pipistrellus-pygmaeus beim Flug
(Bild: Christian Giese)

Berlin – Ob Wale, Huftiere oder Fledermäuse – Millionen Säugetiere wandern mehrere tausend Kilometer im Jahr. Wie sie während dieser jahreszeitlichen Migration navigieren ist jedoch im Gegensatz zu Vögeln oder Schildkröten kaum erforscht. Ein Wissenschaftlerteam unter Leitung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) hat nun untersucht, wie Mückenfledermäuse ihre Flugrichtung wählen. Dazu haben die Forscher kurzerhand den Sonnenuntergang umgedreht.

Sonnenuntergang im Osten

Für das Experiment teilten die Wissenschaftler Oliver Lindecke und Christian Voigt vom Leibniz-IZW. zunächst mehrere Mückenfledermäuse (Pipistrellus pygmaeus) in zwei Gruppen ein. Zum Sonnenuntergang während ihrer Wanderperiode hat eine Gruppe den natürlichen Sonnenuntergang an der lettischen Ostseeküste erlebt, während die zweite Gruppe einer um 180° umgekehrten Version dieses Schauspiels ausgesetzt war – ein großer Spiegel simulierte eine andere Richtung des Sonnenuntergangs. Die Sicht auf den natürlichen Sonnenuntergang hingegen war blockiert.

Später in der Nacht haben die Wissenschaftler die Tiere auf eine Wiese einige Kilometer ins Landesinnere gebracht und mithilfe einer speziell entworfenen „release box“ freigelassen. Diese runde Box ermöglichte es den Forschern, die Abflugrichtung genau aufzeichnen. Frühere Studien haben gezeigt, dass die Richtung des Starts eine sehr zuverlässige Näherung für die tatsächliche Flugrichtung der Tiere ist. „Unser Versuchsaufbau, die runde ‚release box‘, war so gestaltet, dass sie die Startrichtung der Tiere nicht beeinflusst, sodass wir die Richtungen für beide Gruppen von Fledermäusen vergleichen konnten“, sagt Lindecke.

Navigation angeboren oder erlernt?

Aus den Abflugrichtungen der Fledermäuse zogen die Forscher Rückschlüsse über Art und Ursprung von deren Navigationsfähigkeiten. „Die Resultate haben uns zwei fundamentale Erkenntnisse gebracht: Erstens spielt die Richtung des Sonnenuntergangs tatsächlich eine zentrale Rolle bei der nächtlichen Orientierung der Mückenfledermäuse, weil die Gruppen signifikant unterschiedliche Flugrichtungen einschlugen. Und zweitens konnten wir feststellen, dass nur erwachsene Tiere diese Richtungspräferenzen zeigten“, fasst Lindecke zusammen. „Unerfahrene junge Tiere flogen in zufällige Richtungen, was stark darauf hindeutet, dass sie Fähigkeiten zur Navigation während der Migration von älteren Artgenossen erlernen müssen“, schlussfolgert Lindeckes Kollege Voigt. Wie dieser Lernprozess funktioniert und welche sozialen Faktoren und Praktiken dabei eine Rolle spielen, ist jedoch noch nicht bekannt und erfordert weitere Forschung.

Die Drosophila der Migrationsforschung – Fledermäuse als Modell

Forschungen zur Navigation und Orientierung von Säugetieren während der jahreszeitlichen Migrationen hinken den IZW-Forschern zufolge dem Erkenntnisstand bei Vögeln oder Schildkröten um Jahrzehnte hinterher. Einer der Gründe dafür sei das Fehlen eines Versuchsaufbaus, der zuverlässige Rückschlüsse auf Wanderungsrichtungen erlaubt. Für große Säugetiere wie Gnus oder Wale ist dies eine fast unlösbare Aufgabe, doch Fledermäuse könnten diese Lücke füllen, sind sie doch zu einer wichtigen Modellgruppe für Studien zur Ökologie und der Bewegung der Säugetiere geworden.

Dass Fledermäuse sich zur Orientierung nur auf ihren Ultraschall verlassen, ist weit gefehlt. Die Augen der Fledermäuse sind trotz Echoortung ein wichtiger Orientierungssinn für die Tiere, beispielsweise bei der Jagd von insektenfressenden Arten oder der Nahrungssuche von fruchtfressenden Arten. Echoortung und Pfadintegration sind auf Distanzen von mehr als einigen Dutzend Metern ineffizient und fehleranfällig, wie die Forscher betonen. Die Ergebnisse der aktuellen IZW-Studie stellen die ersten empirischen Nachweise für die Mechanismen und Signale dar, die wandernde Säugetiere zur Navigation nutzen.

Originalpublikation: Lindecke O, Elksne A, Holland RA, Pētersons G, Voigt CC : Experienced migratory bats integrate the sun’s position at dusk for navigation at night. Current Biology, 29, 1–5, April 22, 2019; DOI: 10.1016/j.cub.2019.03.002

* J. Zwilling, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, 10315 Berlin

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 45867205)