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Vorzeitliche Sprachentwicklung durch Ernährung Der Ursprung von f-Worten

| Autor/ Redakteur: Petra Mader* / Christian Lüttmann

Fluchen wäre heute nur halb so schön, wenn sich der Mensch immer noch so ernähren würde wie vor über zweitausend Jahren. Denn ein internationalen Forschungsteams hat nun herausgefunden, dass sich Laute wie „f“ erst relativ spät im Sprachgebrauch entwickelt haben – angestoßen durch eine zunehmende Umstellung in der Ernährung.

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Änderungen der Gebissform haben noch bis vor 2000 Jahren zur Verbreitung neuer Laute geführt (für Details, Bild anklicken).
Änderungen der Gebissform haben noch bis vor 2000 Jahren zur Verbreitung neuer Laute geführt (für Details, Bild anklicken).
(Bild: Tímea Bodogán)

Jena – Das Lautinventar menschlicher Sprache ist äußerst vielfältig und umfasst häufige Laute wie „m“ und „a“ ebenso wie die seltenen Schnalzlaute in einigen Sprachen im südlichen Afrika. Gemeinhin wird angenommen, dass sich das Lautspektrum mit der Entstehung des Homo Sapiens vor ungefähr 300.000 Jahren stabilisierte.

Doch die Studie, die ein internationales Forscherteam nun publiziert hat, wirft eine neues Licht auf die Evolution gesprochener Sprache. Sie zeigt, dass sich Laute wie „f“ und „v“, die heute in zahlreichen Sprachen vorkommen, erst vor relativ kurzer Zeit verbreitet haben – als Folge einer neuen Zahnstellung, die ihrerseits auf veränderte Ernährungsgewohnheiten zurückgeht. An der Studie waren Forscher der Universität Zürich sowie Wissenschaftler von zwei Max-Planck-Instituten, der Universität Lyon und der Nanyang Technological University in Singapur beteiligt.

Veränderte Zahnstellung führt zu neuen Lauten

Aufgrund der härteren und zäheren Nahrung entwickelten frühere Menschen im Erwachsenenalter einen Kopfbiss, bei dem die Schneidezähne des Ober- und Unterkiefers Kante auf Kante stoßen. Mit der zunehmenden Verbreitung weicherer Nahrung setzte sich jedoch eine Gebissform durch, bei der die oberen Schneidezähne leicht über die unteren hinausragen. Dies ermöglichte die Bildung neuer Laute, die heute in der Hälfte aller Sprachen der Welt vorhanden sind: so genannte Labiodentale, bei denen die oberen Schneidezähne die Unterlippe berühren, wie bei der Aussprache von „f“.

„In Europa finden wir in den vergangenen zwei Jahrtausenden einen drastischen Anstieg an Labiodentalen, die auf die zunehmende Verbreitung verarbeiteter, weicherer Nahrung zurückgeht und durch die Einführung industrieller Mahlverfahren zusätzlich vorangetrieben wurde“, führt Steven Moran, einer der beiden Ko-Erstautoren, aus. „Der Einfluss unserer biologischen Voraussetzungen auf die Lautentwicklung wurde bisher also unterschätzt.“

Input aus vielen Forschungsdisziplinen

Inspiriert wurde das Forschungsprojekt durch den Linguisten Charles Hockett, der schon 1985 eine Häufung von Labiodentalen in Bevölkerungsgruppen mit Zugang zu weicherer Nahrung beobachtete. „Doch es gibt Dutzende fadenscheinige Korrelationen im Bereich der Sprache“, kommentiert Ko-Erstautor Damián Blasi vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und der Universität Zürich. „Direkte Zeugnisse sprachlichen Verhaltens – etwa der Aussprache – fehlen uns aber.“

Um die Mechanismen aufzudecken, die tatsächlich die Sprachentwicklung beeinflusst haben, kombinieren die Forscher das Wissen aus verschiedenen Disziplinen wie der biologischen Anthropologie, der Phonetik und der historischen Linguistik. Mit diesem interdisziplinären Ansatz prüften sie, ob sich die Korrelation zwischen den aufkommenden f-Lauten und der veränderten Gebissform nicht doch durch widersprüchliche Daten als Zufall herausstellt. Doch die Korrelation konnte der Prüfung durch die Forscher standhalten. „Es war letztlich ein seltener Fall von übereinstimmenden Befunden“, sagt Blasi. Das ganze Projekt sei nur möglich gewesen, weil heute große Datenbanken, detaillierte biomechanische Simulationen und computerintensive Analysemethoden verfügbar sind.

Der Klang der Vergangenheit

„Unsere Resultate geben einen Einblick in die ursächlichen Zusammenhänge zwischen kulturellem Verhalten, menschlicher Biologie und Sprache“, resümiert Projektleiter und UZH-Professor Balthasar Bickel. „Und sie lassen Zweifel daran aufkommen, dass sich Sprache heute immer noch gleich anhört wie in grauer Vorzeit.“ Diese Erkenntnisse und die neuen Methoden, die dafür entwickelt wurden, erlauben es nun, andere ungelöste Fragen anzugehen: zum Beispiel jene, wie Sprachen früher klangen oder wie Cäsar womöglich sein „veni, vidi, vici“ aussprach.

Originalpublikation: D. E. Blasi, S. Moran, S. R. Moisik, P. Widmer, D. Dediu, B. Bickel: Human sound systems are shaped by post Neolithic changes in bite configuration. Science 15 Mar 2019: Vol. 363, Issue 6432; DOI: 10.1126/science.aav3218

* P. Mader, Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, 07745 Jena

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