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Darmbakterium fördert Übergewicht Dickmacher im Darm

| Autor / Redakteur: Sonja Schäche* / Christian Lüttmann

Der menschliche Darm beherbergt 100 Billionen Bakterien, schätzen Biologen. Manche von ihnen beeinflussen das Körpergewicht, doch wie das passiert war bisher unklar. Nun haben Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung bei bestimmten Dickmacher-Bakterien aufgedeckt, durch welchen Mechanismus sie zu Gewichtszunahme führen – bei Mäusen und möglicherweise auch beim Menschen.

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Lichtmikroskopische Aufnahme von Clostridium ramosum nach Gram-Färbung
Lichtmikroskopische Aufnahme von Clostridium ramosum nach Gram-Färbung
(Bild: Tina Jaenicke/DIfE)

Potsdam – Es ist bekannt, dass bestimmte Darmbakterien das Gewicht beeinflussen. Doch wie dieser Effekt zustande kommt, war bisher kaum verstanden. Ein Potsdamer Forscherteam vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) hat Bakterien der Art Clostridium ramosum genauer untersucht und einen Mechanismus entdeckt, der diesen Effekt erklärt.

Clostridium ramosum ist mit zehn Mikrometern Größe rund 100 Mal kleiner als ein Sandkorn, hat aber anscheinend einen erheblichen Einfluss auf seinen Wirt, wie sich im Tierversuch zeigte. „In früheren Studien mit Mäusen beobachteten wir, dass Clostridium ramosum Übergewicht fördert, indem es die Zahl der Fettsäuretransporter im Darm erhöht“, sagt Professor Michael Blaut, Leiter der Abteilung Gastrointestinale Mikrobiologie am DIfE.

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Glückshormon im Darm macht dick

Dieser Spur gingen die Wissenschaftler weiter nach. Dafür untersuchten sie Mäuse und Darm-Organoide. Darm-Organoide werden aus Stammzellen gewonnen und weisen ähnliche Eigenschaften wie normales Darmgewebe auf. Sie werden deshalb auch als „Mini-Därme“ bezeichnet.

Das Forscherteam beobachtete, dass Clostridium ramosum den Darm der Tiere dazu bringt, vermehrt enterochrom-affine Zellen zu bilden, die den oft als Glückshormon bezeichneten Botenstoff Serotonin produzieren. Somit kann das Bakterium die Konzentration von Serotonin im Darm erhöhen und die Anzahl der Fettsäuretransporter steigern. Eine mögliche Folge für die Versuchsmäuse, und eventuell auch für den Mensch: Übergewicht. „Die Studie zeigt einmal mehr, wie stark der Einfluss einer einzelnen Bakterienspezies im Darm sein kann“, betont Blaut.

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Fettreiche Ernährung fördert Clostridium ramosum

Auffällig ist, dass die untersuchte sporenbildende Mikrobenart verstärkt im Darm übergewichtiger Menschen vorkommt. Jedoch ist unklar, ob die Betroffenen tatsächlich wegen dieses Bakteriums an Gewicht zunahmen.

Insbesondere eine Ernährung mit viel Fett könnte problematisch sein, weil das Bakterium sich gerade unter einer fettreichen Kost optimal vermehrt, wie die Forscher mitteilen. „Unsere Ergebnisse liefern einen wichtigen Hinweis auf das Zusammenspiel zwischen Ernährung, Stoffwechsel des Wirts und Darmbakterien“, sagt Dr. Ana Mandic, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung, die seit fast drei Jahren an dem Projekt arbeitet. Im nächsten Schritt sei es wichtig zu prüfen, in welchem Maße Clostridium ramosum beim Menschen zu Übergewicht beiträgt. Zudem wollen die Forschenden herausfinden, ob das Bakterium durch eine bestimmte Ernährung und andere Mikroorganismen ausgebremst werden könnte.

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Originalpublikation: Mandić AD, Woting A, Jaenicke T, Sander A, Sabrowksi W, Rolle-Kampcyk U, v. Bergen M, Blaut M.: Clostridium ramosum regulates enterochromaffin cell development and serotonin release. Scientific Reportsvolume 9, Article number: 1177 (2019); DOI: 10.1038/s41598-018-38018.

* S. Schäche, Deutsches Institut für Ernährungsforschung, 14558 Bergholz-Rehbrücke

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