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Wie Keime im Flugzeug die Welt bereisen Flugreisen: Der blinde Passagier im Sitzbezug

Autor / Redakteur: Axel Burchardt* / Christian Lüttmann

Niemand sieht sie, und doch reisen sie in großer Zahl mit: Mikroorganismen sind auf jedem Verkehrsflug als blinde Passagiere mit an Bord. Wie gefährlich sind die Flugzeugkeime? Wo tummeln sich die meisten? Und was kann man tun, um ihnen den Flug zu vermiesen? Jenaer Forscher haben in einer Übersichtsstudie Antworten auf diese Fragen gefunden.

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Auf Materialien in den Kabinen von Flugzeugen finden sich harmlose und nicht harmlose Keime (Symbolbild).
Auf Materialien in den Kabinen von Flugzeugen finden sich harmlose und nicht harmlose Keime (Symbolbild).
(Bild: Pixabay/ TayebMEZAHDIA, geralt)

Jena – Der verdiente Urlaub geht zu Ende und man nimmt erholt und entspannt im Flieger Platz. Wer denkt da schon daran, dass im Flugzeug nicht nur braungebrannte, gutgelaunte Fluggäste und Gepäck mitreisen, sondern auch kleine unerwünschte Passagiere an Bord sein können? So ist es Keimen und Krankheitserregern möglich, innerhalb weniger Stunden weite Strecken zurückzulegen.

In einer aktuellen Übersichtsarbeit zeigen Materialforscher der Friedrich-Schiller-Universität Jena, dass die Oberflächen in Flugzeugen von verschiedenen Arten potenziell gefährlicher Mikroorganismen besiedelt werden, die Infektionskrankheiten auslösen könnten. Bislang waren relativ wenig zuverlässige Daten über die Anzahl von Mikroben auf Innenoberflächen von Verkehrsflugzeugmaterialien verfügbar. Dies ändert sich mit der neuen Publikation. „Nach unserem Wissen ist dies die erste systematische Übersichtsarbeit ihrer Art zu diesem Thema“, sagt Projektleiter Prof. Dr. Klaus Jandt von der Jenaer Universität.

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Reisefreiheit für Mikroben – Geografische Begrenzung ist Vergangenheit

Im Jahr 2017 wurden 4,1 Milliarden Fluggäste befördert, eine Rekordzahl. Das sind allein in der Zivilluftfahrt 4,1 Milliarden potenzielle Quellen für die rasche Verbreitung von Infektionskrankheiten, die in der Vergangenheit geografisch begrenzt waren. „Materialoberflächen in Flugzeugkabinen sind ein einzigartiger Lebensraum für Mikroben“, sagt Jandt. „Kein anderes Verkehrsmittel überbrückt in kurzer Zeit so große Distanzen zwischen Ländern und Kontinenten und verbindet Regionen mit guten Gesundheitswesen mit Gebieten, in denen Seuchen oder gefährliche Infektionskrankheiten nicht selten sind“.

Klapptische und Sitzbezüge: Treffpunkt für Erreger aus aller Welt

In ihrer Übersichtsarbeit untersuchten die Jenaer Materialwissenschaftler systematisch anhand von nahezu 800 Originalarbeiten, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse es über Mikroben auf Oberflächen in Flugzeugen gibt. Wie sich zeigte, werden die Oberflächen in Flugzeugen im Allgemeinen von verschiedenen Arten von Mikroorganismen besiedelt. „Dabei gibt es infektiöse Hotspots wie Klapptische, Armlehnen, Sitzbezüge, Türgriffe und Toilettenspültasten“, klärt Jandt auf. „Wir waren überrascht, wie relativ wenige zuverlässige Daten über die Anzahl von Mikroben auf Innenoberflächen von Verkehrsflugzeugmaterialien verfügbar sind, obwohl es im Internet dazu zahlreiche, zum Teil auch weniger seriöse Quellen gibt.“

„Nicht alle Mikroben sind für den Menschen gefährlich, viele nutzen uns sogar“, sagt Prof. Dr. Mathias W. Pletz vom Universitätsklinikum Jena. „Allerdings sind einige Mikroben, die sich in Flugzeugen finden, nicht harmlos“, betont er. Wie die Jenaer Forscher weiter berichten, hängt die Überlebensfähigkeit und die Übertragbarkeit der Mikroben auf den Menschen u.a. von den Arten der Materialien und deren physikochemischen Oberflächeneigenschaften ab.

Maßnahmenkatalog für sorgloses Fliegen

Damit niemand mehr Sorge vor Mikroben auf den Oberflächen im Flugzeug haben muss, schlagen die Materialwissenschaftler in ihrer Arbeit einen Maßnahmenkatalog vor. Dazu gehören zum Beispiel das Schaffen eines Bewusstseins für dieses Thema bei Flugzeugbauern, Fluggesellschaften, dem Kabinenpersonal und den Passagieren, Hinweistafeln an den Hotspots, eine gründlichere und häufigere Reinigung der Hotspots sowie der Einsatz von neuen antimikrobiellen Materialkonzepten, an denen u.a. die Wissenschaftler in Jena zurzeit arbeiten. Mit diesen Strategien könnte es bald gelingen, oberflächliche Infektionsketten in Flugzeugen nachhaltig zu unterbrechen, ist das Jenaer Forscherteam optimistisch.

Ergänzendes zum Thema
Projekt Hyfly

Mit Flugzeugen und Luftverkehrseinrichtungen setzt sich ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt auseinander, das von der Universität Jena im Rahmen des Konsortiums „Infect Control 2020“ koordiniert wird. Die Partner aus Wissenschaft und Wirtschaft wollen innerhalb von drei Jahren „effektive Strategien zur Kontrolle von und im Umgang mit Ausbreitungswegen von Erregern im Luftverkehr" entwickeln. Infect Control 2020 fördert das kurz Hyfly genannte Projekt mit rund 2,6 Millionen Euro aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Infect Control 2020

Das BMBF fördert mit rund 45 Millionen Euro knapp 30 Forschungsprojekte des Konsortiums „Infect Control 2020“, in denen Industrie- und Wissenschaftspartner aus ganz Deutschland interdisziplinär neue Strategien zur Infektionsbekämpfung erarbeiten. Erstmalig widmen sich Wissenschaft und Unternehmen in diesem Umfang dem so vielschichtigen Problem der Infektionskrankheiten.

Originalpublikation: Bin Zhao, Carolin Dewald, Max Hennig, Jörg Bossert, Michael Bauer, Mathias W. Pletz, Klaus D. Jandt Microorganisms @ materials surfaces in aircraft: Potential risks for public health? – A systematic review. Travel Medicine and Infectious Disease August 2018; DOI: 10.1016/j.tmaid.2018.07.011

* A. Burchardt, Friedrich-Schiller-Universität Jena, 07743 Jena

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