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Erderwärmung könnte stärker ausfallen als bisher angenommen Forscher warnen: Klimaerwärmung wird unterschätzt

Redakteur: Christian Lüttmann

Heute etwas unternehmen, das sich erst auszahlt, wenn wir selbst schon viele hundert Jahre Geschichte sind – dieses generationenübergreifende Denken müssen wir, nach Ansicht vieler Experten, verinnerlichen. Denn wie eine neue Studie darlegt, könnte uns der Klimawandel stärker treffen, als bisher angenommen. Die beteiligten Forscher appellieren daher, sofort aktiv zu werden.

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Die Auswirkungen des Klimawandels könnten stärker sein als bisher angenommen, so das Ergebnis einer neuen Studie (Symbolbild).
Die Auswirkungen des Klimawandels könnten stärker sein als bisher angenommen, so das Ergebnis einer neuen Studie (Symbolbild).
(Bild: MaxPixel)

Essen – Düstere, oder eher wärmere, Aussichten macht eine neue Studie eines internationalen Forscherteams mit Beteiligung der University of New South Wales in Sydney: Die Erderwärmung wird unter Umständen doppelt so hoch sein, wie bisher vorhergesagt und der Anstieg des Meeresspiegels könnte sechs Meter oder sogar noch mehr betragen. Dies sei sogar dann noch der Fall, wenn die angestrebte Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs um maximal 2 °C gegenüber der globalen vorindustriellen Mitteltemperatur erreicht werde, so die Aussage der Forscher. Sie kritisieren, dass in aktuellen Klimamodellen die Langzeitfolgen für unseren Planeten nicht ausreichend betrachtet werden. Sofortiges Handeln sei unerlässlich, um tiefgreifende Veränderungen unserer Welt zu verhindern.

Grüne Wüsten und staubige Wälder?

Die neuen Erkenntnisse zu den Klimafolgen basieren auf Beobachtungen von drei Wärmeperioden in den vergangenen 3,5 Millionen Jahren. Zu der Zeit war es auf der Welt 0,5 °C bis 2 °C wärmer als während der präindustriellen Temperaturen des 19. Jahrhunderts. Die Forschungsergebnisse zeigen außerdem, dass große Teile der polaren Eiskappen kollabieren und signifikante Veränderungen des Ökosystems auftreten können: Die Sahara könnte plötzlich grün und die tropischen Regenwälder zu Savannen werden.

Das LABORPRAXIS-Klimadossier In unserem Dossier „Klimaforschung“ finden Sie weitere aktuelle Forschungsprojekte und -ergebnisse rund um das Klima.

„Beobachtungen der vergangenen Wärmeperioden legen nahe, dass es einige verstärkende Mechanismen gibt, die in den Klimamodellen nur unzureichend dargestellt werden. Diese Mechanismen erhöhen die langfristige Klimaerwärmung mehr, als aktuelle Klimamodelle vorhersagen“, so der leitende Autor Prof. Hubertus Fischer von der Universität Bern. „Das legt nahe, dass die CO2-Bilanz noch deutlich geringer sein muss, als bisher vorhergesagt. Es bedeutet auch, dass es nur einen geringen Spielraum für Fehler geben kann, um die Pariser Ziele zu erreichen.“

Ähnliche CO2-Situation vor 3 Millionen Jahren

Für ihre Studie verglichen die Wissenschaftler die drei am besten dokumentierten Wärmeperioden: das holozäne Wärmemaximum vor 5000 bis 9000 Jahren, die letzte Zwischeneiszeit vor 129.000 bis 116.000 Jahren und die mittlere pilozäne Wärmeperiode vor 3,3 bis 3 Millionen Jahren. Die Erwärmung der ersten beiden Wärmeperioden ergab sich aus vorhersehbaren Veränderungen in der Erdumlaufbahn. Die mittlere pilozäne Wärmeperiode entstand jedoch, da die atmosphärische Kohlenstoffdioxidkonzentration bei 340 bis 450 ppm lag – in etwa so wie heute.

Die Forscher kombinierten Messdaten von Eiskernen, Sedimentschichten und Fossilberichten, mit der Datierung anhand von Atomisotopen sowie einer großen Bandbreite anderer bewährter Paläoklima-Methoden. So konnten sie das Puzzle des Einflusses der Klimaveränderungen zusammensetzen. Ihr Ergebnis: Die vergangenen Perioden geben einen nachweislichen Hinweis darauf, wie eine wärmere Erde aussehen wird, sobald sich das Klima wieder stabilisiert hat. Im Gegensatz dazu erwärmt sich jedoch unser Planet heute sehr viel schneller als in einer der vorherigen Perioden.

Tiefgreifende Veränderungen durch Erderwärmung

Schuld an der übermäßigen Erderwärmung sei der vom Mensch verursachte CO2-Ausstoß, der stetig zunimmt, heißt es in einer Pressemeldung. Selbst wenn wir unsere Emissionen von heute an stoppen würden, würde es Jahrhunderte bis Jahrtausende benötigen, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Die Veränderungen, die die Erde unter den vergangenen Bedingungen erfahren hat, waren tiefgreifend – die antarktische und die grönländische Eisplatte haben sich substanziell zurückgezogen, und als Konsequenz ist der Meeresspiegel um mindestens sechs Meter angestiegen. Meeresplankton-Bereiche haben sich verlagert und damit ganze Marineökosysteme zur Neuordnung gezwungen. Die Sahara – wie auch die Tundra – wurde grüner und ganze Wälder sind 200 km in die Richtung der Pole gewandert.

„Selbst mit nur 2 °C Erwärmung – und wahrscheinlich sogar mit nur 1,5 °C – sind die signifikanten Einflüsse auf das Erdsystem tiefgreifend“, so Co-Autor Prof. Alan Mix von der Oregon State University. „Wir können davon ausgehen, dass der Anstieg des Meeresspiegels für Jahrtausende unaufhaltsam wird. Das wirkt sich auf einen Großteil der Weltpopulation, die Infrastruktur und auf die wirtschaftliche Aktivität aus.“

Klimamodelle unterschätzen Langzeitauswirkungen

Bis heute sind diese signifikanten beobachteten Veränderungen weitestgehend unterschätzt in Klimamodellvorhersagen, die sich nur mit der nahen Zukunft beschäftigen. Verglichen mit den Beobachtungen der Vergangenheit, scheinen Klimamodelle die Langzeitauswirkungen der Erderwärmung und die Verstärkung der Wärme in den Polarregionen zu unterschätzen.

„Klimamodelle sind zuverlässig, was die kleineren Veränderungen angeht, wie beispielsweise für geringe Emissionsszenarien und über einen kurzen Zeitraum, wie etwa in den nächsten Jahrzehnten bis 2100. Aber da die Veränderungen größer und hartnäckiger werden – entweder wegen der steigenden Emissionen, wie beispielsweise im Business-as-usual-Szenario, oder weil wir daran glauben, mit etwas geringeren Emissionen die Welt retten zu können – werden die Klimaveränderungen unterschätzt“, so Co-Autor Prof. Katrin Meissner, Direktorin am University of New South Wales Climate Change Research Centre.

„Diese Forschungsergebnisse liefern einen wichtigen Aufruf zur sofortigen Handlung. Sie sagen uns, dass, wenn heutige Staatsoberhäupter sich nicht um unsere Emissionen kümmern, die Erderwärmung tiefgreifende Veränderungen für unseren Planeten und die Art und Weise, wie wir leben, bringen wird. Das gilt nicht nur für dieses Jahrhundert, sondern weit darüber hinaus“, schließt Meissner.

Originalpublikation: Fischer, H., Meissner, K.J., Mix, A.C., et al.: Palaeoclimate constraints on the impact of 2 °C anthropogenic warming and beyond. Nature Geoscience, 25 June 2018; DOI: 10.1038/s41561-018-0146-0

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