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CO2-Zertifikate für Landwirte Humus-Zertifikate – Kuhhandel oder sinnvoller Klimaschutz?

| Redakteur: Christian Lüttmann

Klimaschutz ist auch Feldforschung – wortwörtlich. Denn Äcker stellen eine wichtige Senke für Kohlenstoff dar. So genannte Humus-Zertifikate sollen daher Landwirte motivieren, gezielt klimafördernde Maßnahmen zu ergreifen. In einer Studie haben Agrarforscher nun bewertet, wie sich diese privatwirtschaftlichen CO2-Zertifikate als Klimaschutz-Anreize eignen.

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Äcker sind wichtige Kohlenstoffsenken.
Äcker sind wichtige Kohlenstoffsenken.
(Bild: gemeinfrei, Fritz_the_Cat / Pixabay )

Müncheberg – Um den menschengemachten Klimawandel zu stoppen, fordert die Europäische Kommission ein klimaneutrales Europa bis 2050. Dazu gibt es zwei Strategien: Vermeidbare Treibhausgase sollen reduziert und nicht vermeidbare Emissionen kompensiert werden. Die Kompensation kann über das Speichern von Kohlenstoff in so genannten Senken erfolgen, wie Pflanzen und Böden. Eine Art solcher Kohlenstoffsenken sind z.B. Äcker. Denn beim Humusaufbau kann Kohlenstoff für einen gewissen Zeitraum im Boden gebunden werden.

Mit so genannten Humus-Zertifikaten sollen Anreize geschaffen werden, damit Landwirte den Humusaufbau mit vorantreiben. In einer aktuellen Studie unter Beteiligung des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) haben Forscher die Möglichkeiten des humusfördernden Ackerbaus untersucht, Messmethoden für dessen Erfolg zusammengefasst, und den Einsatz privatwirtschaftlicher CO2-Zertifikate als Anreizinstrument für mehr Klimaschutz in der Landwirtschaft bewertet.

Warum sich Kohlenstoff nicht einfach begraben lässt

Humus wird gebildet, indem Mikroorganismen organischen Kohlenstoff abgestorbener Pflanzenreste in den Boden einarbeiten und umwandeln. Der organische Kohlenstoff wird dabei entweder in neue Biomasse eingebaut oder unter CO2-Freisetzung veratmet und wieder in die Luft freigesetzt. Langfristig stellt sich so ein Gleichgewicht ein, wobei stets eine gewisse Menge des Kohlenstoffs gebunden im Boden vorliegt.

Verschiedene Mechanismen verhindern kurz- oder langfristig, dass der Kohlenstoff wieder aus dem Boden freigegeben wird. So kann er etwa in Bodenaggregaten eingeschlossen werden, räumlich getrennt von den Mikroorganismen. Auch kann sich ein Teil des Kohlenstoffs an Tonminerale oder Eisenoxide binden und so aus dem Zersetzungskreislauf entfallen.

Humus als Weg aus der Klimakrise?

Um gezielt den Anteil an gespeichertem Kohlenstoff in Böden der Landwirtschaft zu erhöhen, kann man Humusmasse aufbauen. Die Agrarforscher schlagen dazu etwa verbesserte Fruchtfolgen auf dem Feld vor. So könnten bei einem jährlichen Zwischenfruchtanbau mit Gründüngung im Mittel 0,32 t organischer Kohlenstoff pro Jahr und Hektar zusätzlich aufgebaut werden. Noch effektiver bewerten sie die Umwandlung von Acker- zu Grünlandflächen sowie die Aufforstung von Ackerland zu Wäldern (je über 0,7 t zusätzlicher organischer Kohlenstoff pro Jahr und Hektar).

Als Anreiz für solche Maßnahmen vergeben private Unternehmen spezielle CO2-Zertifikate, auch Humus-Zertifikate genannt. Diese sind unabhängig vom staatlichen Emissionshandel und könnten Landwirte dazu motivieren, ein entsprechendes Management in ihren Betrieben umzusetzen. Um einen effizienten Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, müssten diese Zertifikate jedoch bestimmten Kriterien entsprechen, die bei aktuellen Vergaben nicht immer berücksichtigt würden, schreiben die Autoren der aktuellen Studie.

„Unsere Studie macht auch deutlich, dass alle Anreicherungen vollständig reversibel sind“, sagt Dr. Carsten Paul, einer der Autoren. Es könne also kaum sichergestellt werden, dass der gespeicherte Kohlenstoff auch wirklich langfristig gebunden bleibt. Zudem sei es schwer zu sagen, wie viel des Kohlenstoffs tatsächlich zusätzlich zu dem ohnehin im Kreislauf befindlichen Kohlenstoff eingespeichert wurde. „Verschiebungseffekte, die nur scheinbar eine positive Klimawirkung erzielen, können von Zertifikatanbietern nur schwer ausgeschlossen werden“, ergänzt Paul zu den Schwierigkeiten bei der Vergabe von Humus-Zertifikaten.

Im Ergebnis bewerten die Autoren der Studie das Instrument der Humus-Zertifikate aktuell als kritisch: Obwohl es aus landwirtschaftlicher und Klimaschutz-Sicht auf jeden Fall positiv sei, wenn der Kohlenstoffanteil in landwirtschaftlichen Böden durch gutes Management erhöht wird, sei das Instrument der privaten CO2-Zertifikate möglicherweise ungeeignet.

Originalpublikation: Wiesmeier, M., Mayer, S., Paul, C. , Helming, K., Don, A., Franko, U., Steffens, M., Kögel-Knabner, I.: CO2-Zertifikate für die Festlegung atmosphärischen Kohlenstoffs in Böden: Methoden, Maßnahmen und Grenzen, BonaRes Series 2020/1; DOI: 10.20387/bonares-f8t8-xz4h

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