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Neue Therapieansätze bei nekrotisierender Fasziitis Mit Antikörpern gegen „fleischfressende Bakterien“

| Autor / Redakteur: Susanne Thiele* / Christian Lüttmann

Fast jeder Fünfte hat sie, doch nur bei vier von einer Millionen zeigen sie sich von ihrer gefährlichsten Seite: Streptococcus pyogenes, auch „fleischfressende Bakterien“ genannt. Sie können in seltenen Fällen eine Infektion hervorrufen, die großflächig Hautgewebe abtötet. Für den Kampf gegen die mitunter tödliche Krankheit haben Forscher vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung nun einen neuen Therapieansatz mit Antikörpern erforscht.

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Streptococcus pyogenes löst am häufigsten nekrotisierende Fasziitis aus.
Streptococcus pyogenes löst am häufigsten nekrotisierende Fasziitis aus.
(Bild: HZI / Manfred Rohde)

Braunschweig – Streptococcus pyogenes werden wegen ihrer gewebeschädigenden Wirkung auch „fleischfressende Bakterien“ genannt. Sie können eine nekrotisierende Fasziitis verursachen, die schwerwiegendste Form eines durch Bakterien vermittelten Gewebeabsterbens. Dabei zerstören sie im rasanten Verlauf der Infektion großflächig das Hautgewebe und können zum toxischen Schock oder sogar zum Tod führen. Mit einer frühzeitigen Antibiotikabehandlung und dem Entfernen des betroffenen Gewebes ist die Infektion aber heilbar.

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S. pyogenes und nekrotisierende Fasziitis

S. pyogenes ist eine weit verbreitete Streptokokken-Art und als Erreger der bakteriellen Angina, landläufig Mandelentzündung genannt, bekannt. Auch hinter Scharlach oder einer Mittelohrentzündung kann das Bakterium stecken. Krankheitserreger der Art S. pyogenes werden jedoch auch als „fleischfressende Bakterien“ bezeichnet, da sie in das Unterhautgewebe und die Faszien – die Weichteilkomponenten des Bindegewebes – eindringen und immense Zerstörungen anrichten können. Ihre Eintrittspunkte in den Körper sind unterschiedlich – ein Schnitt, manchmal auch ein Stich wie von einem Dorn oder Insekt.

Die nekrotisierende Fasziitis äußert sich beim Erkrankten zunächst in starken örtlichen Schmerzen und Fieber gefolgt von einem Anschwellen der betroffenen Regionen, bis schließlich ganze Hautbereiche absterben. Daher rührt auch der Name der Krankheit. Die dramatischen Auswirkungen, die unklare Herkunft, das schnelle Fortschreiten und die komplizierte Diagnose dieser lebensbedrohlichen Infektionskrankheit machten neue Forschung auf diesem Gebiet so wichtig.

Es gebe verschiedene Bakterienarten, die ein solch rasantes Gewebesterben auslösen können, sagt Prof. Dietmar Pieper, Mikrobiologe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI). „Aber einer der häufigsten Auslöser ist S. pyogenes. Das Robert-Koch-Institut geht für diesen Erreger davon aus, dass bis zu 20 Prozent der Bevölkerung das Bakterium beherbergen, ohne Krankheitssymptome zu zeigen. In seltenen Fällen kann es jedoch schwere Infektionen oder eine nekrotisierende Fasziitis verursachen.“

Antikörper gegen Giftstoffe

Bisher war den Forschern noch unklar, warum sich bei einigen Patienten eine nekrotisierende Fasziitis mit Gewebenekrosen entwickelt und bei anderen nicht. „Die Entwicklung einer nekrotisierenden Fasziitis ist charakterisiert durch ein komplexes Zusammenspiel zwischen dem Immunsystem des Wirtes und dem Pathogen, welches eine Vielzahl von Virulenzfaktoren produziert, um die Immunantwort zu umgehen oder sie zu manipulieren“, sagt Dr. Andreas Itzek, Wissenschaftler im Team um Pieper und Leiter der Studie. „Zu diesen Virulenzfaktoren gehören auch die Exotoxine von S. pyogenes – spezielle Giftstoffe, die das Bakterium absondert.“

Den HZI-Forschern ist es nun gelungen, die Rolle von speziellen pathogen-spezifischen Antikörpern bei der Entwicklung der nekrotisierenden Fasziitis aufzuklären – speziell bei solchen, die die Exotoxine von S. pyogenes neutralisieren können. Dazu untersuchten sie Plasmaproben und bakterielle Isolate von Patienten mit dieser klinischen Infektion im Vergleich zu Proben von Patienten mit einer nicht nekrotisierenden Weichteilinfektion mit S. pyogenes.

Frühzeitige Injektion von Immunglobulin G kann helfen

„Alle Patienten mit einer nekrotisierenden Fasziitis zeigten einen Mangel an spezifischen Antikörpern gegen den Erreger S. pyogenes und die Mehrheit seiner Exotoxine in der Anfangsphase der Infektion“, sagt Itzek. Bisher habe man die Bedeutung unterschätzt, die solche Antikörper für das Fortschreiten einer nekrotisierenden Fasziitis haben könnten. Hier liegt nämlich ein großes Therapiepotenzial: Ist im Blut des Patienten schon eine gewisse Konzentration von Antikörpern gegen die von S. pyogenes ausgeschiedenen Exotoxine vorhanden, scheint dies ein irreversibles Fortschreiten einer milden Gewebeinfektion in eine schwere nekrotisierende Fasziitis zu verhindern, so der Forscher.

„Besonders wichtig für eine zukünftige Therapie ist die Erkenntnis aus der Studie, dass die klinische Anwendung von intravenösem Immunglobulin G in der Frühphase der Infektion diesen beobachteten Antikörpermangel ausgleichen kann“, sagt Pieper. Erfolgt die Therapie mit dem Antikörper Immunglobuli G aber zu spät und die Gewebenekrose hat sich schon entwickelt, dann ist der Gewebezerfall nicht mehr aufzuhalten.

Originalpublikation: Anshu Babbar, Trond Bruun, Ole Hyldegaard, Michael Nekludov, Per Arnell, INFECT Study Group, Dietmar H Pieper, Andreas Itzek: Pivotal Role of Preexisting Pathogen-Specific Antibodies in the Development of Necrotizing Soft-Tissue Infections. The Journal of Infectious Diseases, Volume 218, Issue 1, 5 June 2018, Pages 44–52, DOI: 10.1093/infdis/jiy110

* S. Thiele, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), 38124 Braunschweig

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