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Exklusivinterview: Krisenfolgen im Weiterbildungssektor Nur noch digital? Fortbildung in Zeiten von Corona

| Redakteur: Christian Lüttmann

Vier Wochen Stillstand legten vom 22. März bis zum 20. April Deutschland lahm. Dies betraf auch zahlreiche Fachmessen und Fortbildungsseminare. Welche Schäden hat die Corona-Krise am Weiterbildungsgeschäft hinterlassen? Welche Chancen haben sich daraus ergeben? Und wie anders werden Anwender sich in Zukunft fachspezifisch fortbilden? 10 Fragen an Dr. Roman Klinkner, Geschäftsführer des auf die Laborbranche spezialisierten Schulungsunternehmens Klinkner & Partner.

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Online-Seminare haben viele Vorteile gegenüber Präsenzveranstaltungen. Wird es in Zukunft also nur noch digitale Fortbildungen geben?
Online-Seminare haben viele Vorteile gegenüber Präsenzveranstaltungen. Wird es in Zukunft also nur noch digitale Fortbildungen geben?
(Bild: MandicJovan)

LABORPRAXIS: Herr Dr. Klinkner, wie hart traf die Corona-Krise die Labore?
Dr. Roman Klinkner: Sehr unterschiedlich, denn Labore finden sich in den verschiedensten Branchen, die alle unterschiedlich betroffen sind. Im Bereich der medizinischen Diagnostik können Laboratorien durch die Corona-Tests stark profitieren, während Betriebe im Automotive-Bereich schwerer betroffen waren und es noch sind: Kommt es zu Kurzarbeit oder Produktionsstillstand, werden die zugehörigen Labore in der Industrie natürlich miterfasst.

In unserem eigenen Labor für Pipettenkalibrierung hatten wir in den Lockdown-Monaten Umsatzrückgänge bis 30%, die Lage hat sich aber bereits im Juni wieder normalisiert. Die Kunden haben ihre Pipetten einfach später als geplant zur Kalibrierung geschickt. Ich vermute daher, dass Kalibrierlabore generell weniger von Corona betroffen sind als Prüf- und Untersuchungslabore. Auch öffentlich-rechtliche Labore dürften leichter durch die Krise kommen als Industrielabore.

Nichtsdestotrotz werden noch viele Firmen verschwinden – auch solche, die nichts falsch gemacht haben. Die Einbrüche in der Veranstaltungs- und Reisebranche wirken sich letztlich auch auf Präsenzveranstaltungen von Fort- und Weiterbildung aus, die ja immer mit Reisen verbunden sind. Und gerade Dienstreisen und Fortbildungen sind in vielen Unternehmen und Organisationen typische Streichopfer in Krisen – das war schon in der Finanzkrise 2009 so.

LABORPRAXIS: Wie haben Labormitarbeiter die Krise erlebt?
Dr. Klinkner: Einzelne Labore berichteten uns, dass sie vorübergehend keine Proben mehr nehmen konnten, weil sie das Werksgelände ihrer Kunden nicht mehr betreten durften. Generell mussten natürlich auch die Labore die vorgegebenen Abstands- und Hygieneregeln beachten. Um dies zu ermöglichen und gleichzeitig zu verhindern, dass bei Auftreten eines Corona-Falls das gesamte Labor infolge Quarantäne schließen muss, haben viele Labore einen Schichtbetrieb eingeführt. Gleichzeitig wurden Jobs in Leitung, Verwaltung und QM oftmals ins Homeoffice verlagert. In der Folge war die Kommunikation wesentlich erschwert: Besprechungen fanden fast nur noch in Form von Telefonaten oder digitalen Meetings statt – die Gewinner waren Konferenztools wie Webex, Teams und Zoom.

In den vergangenen Monaten haben die ersten Labore auch schon Erfahrungen mit so genannten Remote-Audits gemacht. Dabei schaltet sich der Auditor über eine Kommunikationssoftware zu den Laboren hinzu und auditiert. Auch unser Labor wurde durch die DAkkS schon zwei Tage lang fernauditiert – und das hat erstaunlich gut funktioniert.

Am Arbeitsplatz lernen – dank Online-Angeboten kann man sich quasi „nebenbei“ in kurzen 90 Minuten-Seminaren fortbilden.
Am Arbeitsplatz lernen – dank Online-Angeboten kann man sich quasi „nebenbei“ in kurzen 90 Minuten-Seminaren fortbilden.
(Bild: ©Zoriana - stock.adobe.com)

LABORPRAXIS: Welche Vorteile bringen Online-Angebote?
Dr. Klinkner: Für die Teilnehmenden liegt ein klarer Vorteil in der Flexibilität und Bequemlichkeit. Sie können sich heute entscheiden an einem Online-Seminar teilzunehmen, das morgen stattfindet, ohne Reise oder Unterkunft planen zu müssen und ohne lange Reisezeiten mit dem Risiko von Stau oder Zugausfällen auf sich zu nehmen. Und wenn ein schneller Internetzugang vorhanden ist, ist eine Teilnahme von überall möglich. Für den Arbeitgeber erzeugt der Wegfall von Anreise und Übernachtung auch ein interessantes Einsparpotenzial. Gleichzeitig ist es ein Vorteil für den Klimaschutz, was als Argument sicherlich zunehmende Bedeutung erlangen wird. Viele Online-Angebote bestehen aus kürzeren Lerneinheiten von typischerweise 60 bis 120 Minuten und können daher leichter in den beruflichen Alltag integriert werden. Es geht kein ganzer Arbeitstag verloren – die Produktivität bleibt erhalten.

In der Summe sind diese Vorteile so gewaltig, dass auch nach Corona sicherlich kein vollständiges Rückschwingen des Pendels hin zu Präsenzfortbildungen stattfinden wird. Nicht zu unterschätzen ist hier die Bedeutung der zunehmenden Internet-Bandbreite sowie der immer besser werdenden Software. Nach der Krise werden daher immer mehr und immer bessere Online-Formate zur Verfügung stehen.

LABORPRAXIS: Sind solche Web-Angebote das Ende von Präsenzseminaren?
Dr. Klinkner: Ich denke nicht. Wir alle haben während des Lockdowns in unserem privaten Umfeld festgestellt, wie sehr wir Kontakte mit anderen Menschen brauchen und vermissen. Auch im Bereich der Fort- und Weiterbildung ist der Kontakt zu anderen Teilnehmern ein nicht zu unterschätzender Faktor. Viele Veranstaltungen leben von der Interaktion zwischen den Teilnehmern und natürlich auch mit den Referenten. Wie oft kommt es vor, dass man in Kaffeepausen oder beim Mittagessen ins Gespräch kommt und wichtige Details erfährt, Erfahrungen austauscht und nebenbei feststellt, dass man in derselben Branche tätig ist, die gleiche Ausbildung absolviert hat oder gemeinsame Bekannte hat.

LABORPRAXIS: Was sind weitere Argumente für Präsenzformate?
Dr. Klinkner: Präsenzveranstaltungen werden dort ihren Platz behalten, wo es um vertrauensvolle persönliche Interaktion geht, um Softskills, Personal- und Teamentwicklung, wo komplexe, aber auch sensible Themen über Tage und nicht nur über ein bis zwei Stunden behandelt werden – mit Rollenspielen und Gruppenaktivitäten. Und sicherlich auch dort, wo der Ausstieg aus der Alltagsroutine Sinn macht, um den Kopf frei zu bekommen; Wo die Veranstaltung auch als Incentive wirken soll und das abendliche Bierchen in der Altstadt, vielleicht auch noch der Absacker an der Hotelbar, dazu gehören. Und last but not least sind Präsenzveranstaltungen interessant für alle, für die Reisen mehr ist als von A nach B zu kommen und die als Motto haben „Reisen bildet“ oder „Der Weg ist das Ziel“.

Man könnte es überspitzt so zusammenfassen: Das Online-Format sichert die Ernährung (im Sinne einer regelmäßigen Grundversorgung mit Wissen), das Präsenzformat bleibt ein gelegentlicher und gehobener, aber auch intensiver Genuss. Und dann gibt es ja noch die kleinen Snacks für zwischendurch, die man sich schnell auf Youtube zusammensucht.

LABORPRAXIS: Wird es auch Mischformen von Online- und Präsenz-Seminaren geben?
Dr. Klinkner: Ja, denn durch die neuen Möglichkeiten wird sich der Markt auf Präsenz und Online aufteilen. Dadurch dürfte die durchschnittliche Teilnehmerzahl pro Veranstaltung sinken und gerade private Anbieter werden es schwerer haben, ihre Kosten zu decken. Die Lösung könnten Hybridveranstaltungen sein, an denen man wahlweise physisch oder online teilnehmen kann. So kann jeder Teilnehmer sein favorisiertes Format wählen. Gerade für die Dauer der Corona-Krise ist das sehr wichtig, da die Angst vor Ansteckung subjektiv doch sehr unterschiedlich ist.

Vor wenigen Jahren wären solche Hybrid-Formate noch undenkbar gewesen. Doch die Entwicklung bei Kameratechnik und Software läuft derzeit so rasant, dass sich hier interessante, neue Möglichkeiten auftun. Wir bei Klinkner & Partner haben gerade einen Seminarraum mit dieser Technik eingerichtet und werden ab September erste Hybridveranstaltungen anbieten.

Ergänzendes zum Thema
Welche Erfahrung haben Sie bei Klinkner & Partner als Schulungsunternehmen gemacht?

Dr. Roman Klinkner: Man muss hier offen sagen, dass es auch uns hart getroffen hat. Im März und April haben Lockdown und vor allem die Reiseverbote in den Firmen zu vielen Absagen geführt. Mit dem Angebot „Standby statt Storno“ und der Umstellung auf Online-Formate konnten wir dem etwas entgegensetzen. Viele unserer Kunden zogen aber die Umbuchung auf einen späteren Präsenztermin der Teilnahme an einem Online-Seminar oder Webinar vor.

Mimik und Gestik kommen in Webinaraufzeichnungen nicht so gut rüber wie bei Präsenzveranstaltungen. Das stellen zumindest manche Teilnehmer noch als Kritikpunt fest.
Mimik und Gestik kommen in Webinaraufzeichnungen nicht so gut rüber wie bei Präsenzveranstaltungen. Das stellen zumindest manche Teilnehmer noch als Kritikpunt fest.
( Bild: MicroOne - stock.adobe.com )

Die rasche Etablierung eines Online-Angebots stellte uns vor die Wahl der richtigen Software. Hier haben wir uns bewusst für eine deutsche Firma mit einer browserbasierten Technologie entschieden, um DSGVO-konform zu sein. Die Teilnehmer müssen dabei keine Software vorinstallieren, was durch die hausinterne IT-Abteilung meist sogar untersagt ist – so entfällt eine große technische Hürde. Zu Beginn zeigte sich, dass auch unser Online-Dienstleister von dem Video-Boom überrascht wurde. Serverkapazitäten kamen an ihr Limit, die Performance der Software war nicht stabil, die Manpower fehlte und auch wir waren noch wenig erfahren im Umgang mit Webinaren. Mittlerweile hat sich alles gebessert und wir bekommen gute Rückmeldungen zu unseren Webinaren und Online-Angeboten. Das hat uns ermutigt, auch in den sonst seminarfreien Ferienmonaten erstmals eine Summer School zu etablieren, die aus kleinen Einheiten von 90 bis 120 Minuten besteht.

Manche Referenten und Teilnehmer vermissen bei den Online-Formaten Mimik und Körpersprache und die intensivere Interaktion des Präsenzseminars. Für Teilnehmer scheint die Hemmschwelle höher zu sein, sich aktiv zu beteiligen und das eigene Mikrofon oder auch die Kamera freizuschalten. Die Referenten müssen daher aktiver auf die Teilnehmer zugehen, um in Interaktion zu kommen. Neue Herausforderungen also für alle Beteiligten – aber bekanntermaßen beginnt auch die längste Reise mit den ersten Schritten.

LABORPRAXIS: Ist die Krise ein Katalysator für die Digitalisierung?
Dr. Klinkner: Mit Sicherheit ist die Krise ein Katalysator für die Digitalisierung. Vor drei Jahren haben wir erste Webinare in unser Portfolio aufgenommen und mussten lernen, dass viele Teilnehmer trotz der Vorteile, die wir heute sehen, nur zögerlich dieses Konzept angenommen haben. Das hat sich geändert. Die Akzeptanz digitaler Lösungen ist sprunghaft gestiegen. Wir sehen das als große Chance, weil es die Tür aufstößt zu neuen Möglichkeiten: Es wird nicht nur zusätzliche Onlineangebote geben, auch die Dienstleistungen selbst werden sich qualitativ verändern. Beispielsweise wird es für uns als Veranstalter leichter, bei offenen wie auch bei Inhouse-Seminaren mehrere Referenten zu integrieren oder bei Bedarf zuzuschalten.

LABORPRAXIS: Welche Leistungen profitieren sonst noch von diesem Digitalisierungstrend?
Dr. Klinkner: Bei Beratungsprojekten oder Audits wirkt sich das ebenfalls aus: Die Anreise zu Einsätzen vor Ort lohnt sich meist erst ab einem vollen Einsatztag. Durch Digitalisierung werden die Leistungseinheiten kleiner und sind damit zeitnäher zu erbringen. So können Experten schneller zugeschaltet werden für eine kurze Besprechung. Das spart einiges an Reisekosten und -zeiten; Projekte können beschleunigt werden. Natürlich war das bislang durch Telefon und Mail prinzipiell auch schon möglich – aber eben eingeschränkt. Erst das technologische Gesamtpaket aus Videotelefonie, Komfortfunktionen wie Dokumententeilung oder Einsatz von Remote Cams, hohe Sprach- und Bildqualität, Einsatz von Tablets und schnelles Internet bringen den Durchbruch.

LABORPRAXIS: Welche Lehren lassen sich aus dieser Krise ziehen?
Dr. Klinkner: Erstens: „Bleib flexibel, denn es kommt immer anders als man denkt.“ In fast allen Firmen werden Risikoanalysen durchgeführt, der risikobasierte Ansatz wird in allen QM-Systemnormen gefordert. Aber wer hatte die Pandemie wirklich auf dem Plan? So gut wie niemand. Planen ist gut und wichtig – aber man darf nicht an Plänen kleben. Immer wieder umplanen, flexibel und schnell reagieren ist am Ende entscheidend.

Zweitens: „Wissenschaft ist (lebens)wichtig.“ Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass fundierte Wissenschaft wichtig ist für die Krisenbewältigung. Nicht nur leisten Forscherinnen und Forscher wichtige Arbeit bei der derzeit laufenden Impfstoffentwicklung. Auch bemühen sich die Experten, über ihre Ergebnisse und den aktuellen Stand der Forschung aufzuklären. Leider kursieren trotz Virologen-Podcasts und umfassender medialer Berichterstattung weiterhin Fake News und politische Propaganda. Die Corona-Krise zeigt uns besonders deutlich, dass eine Abkehr vom faktenbasierten Denken und Handeln eine Fehlentwicklung ist und lehrt uns hoffentlich, uns weniger leicht von Panikmache und diffusen Bauchgefühlen leiten zu lassen.

LABORPRAXIS: Wie schätzen Sie die kommenden Monate ein: Wann ist wieder ein normales Messe- und Seminar-Geschäft möglich?
Dr. Klinkner: Es kommt entscheidend auf den Verlauf der Pandemie an. Trifft uns eine zweite Welle? Wann wird ein Impfstoff zur Verfügung stehen? Im Best Case stehen die Chancen gut, dass sich der Markt binnen ein bis zwei Jahren wieder erholt, wenn auch nicht zu 100% und sicherlich mit neuen Ausprägungen. Aber das ist ein Blick in eine sehr trübe Glaskugel.

Ich bin aber überzeugt, dass der Zustand vor Corona so nicht mehr zurückkehren wird. Es wird sich bei Seminaren wie bei Messen eine neue Balance ausbilden zwischen Präsenz-, Hybrid- und Online-Formaten. Und es werden sich die Stärken und Schwächen der einzelnen Formate deutlicher zeigen.

Herr Dr. Klinkner, vielen Dank für das Interview.

(ID:46693958)