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Mikroplastik aus Autoreifen Reifenspuren in Erde, Wasser und Luft

Redakteur: Christian Lüttmann

Eine der größten Mikroplastikquellen sind Autoreifen. Besonders bei starkem Bremsen reibt sich Gummi am Straßenbelag ab – und dann? Den Weg des Reifenabriebs haben Forscher der Bundesanstalten für Gewässerkunde (BfG) und für Straßenwesen (BASt) untersucht. Dabei fanden sie deutliche Unterschiede zwischen Straßen in der Stadt und außerorts.

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Optimaler Schadstoffrückhalt: Breitflächige Entwässerung über Bankett und Böschung an einer Autobahn.
Optimaler Schadstoffrückhalt: Breitflächige Entwässerung über Bankett und Böschung an einer Autobahn.
(Bild: BASt)

Koblenz – Egal ob PKW, Motorrad oder Linienbus: Ist das Profil abgefahren, müssen neue Reifen her. Allein im Jahr 2020 wurden in Deutschland rund 48,5 Millionen PKW-Reifen abgesetzt, schätzt der Reifenhandel-Branchenverband. Doch wohin verschwindet der Reifenabrieb? Das hat ein Team der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) und der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) untersucht.

Beitrag zu Feinstaubproblem ist nur ein kleiner Teil

Fahrzeugreifen bestehen etwa zur Hälfte aus vulkanisiertem Naturkautschuk oder synthetischem Gummi und enthalten darüber hinaus eine Vielzahl von Füllmitteln und anderen chemischen Zusatzstoffen. Der Abrieb von Autoreifen ist damit eine der größten Mikroplastikquellen – deutlich vor Faserabrieb, der beim Waschen von Kleidung aus Kunstfasern entsteht. Reifenabrieb bildet sich an den Laufflächen von Fahrzeugreifen, vor allem bei Beschleunigungs- und Bremsvorgängen.

Das LABORPRAXIS-Dossier Mikroplastik In unserem Dossier „Mikroplastik“ haben wir für Sie weitere Forschungsvorhaben und -erkenntnisse zum Thema Mikroplastik zusammengefasst.

Dabei entstehen Partikel, die aus einer Mischung von Gummi und Straßenabrieb bestehen. Bereits bekannt war, dass ein kleiner Anteil des Reifenabriebs von der Straße in die Luft gelangt (fünf bis zehn Prozent) und so zur Feinstaubbelastung beiträgt. Der Weg des weit größeren Anteils von rund 90 Prozent des Reifenabriebes war bisher aber nicht im Detail geklärt.

Stadtverkehr oder Landstraße – ein großer Unterschied für Reifenabrieb

Die Forscher von BASt und BfG haben nun berechnet, dass jährlich 60.000 bis 70.000 Tonnen Reifenabrieb in den Boden gelangen und 8.700 bis 20.000 Tonnen in Oberflächengewässer. Dabei kommt es maßgeblich darauf an, wo der Reifenabrieb entsteht: Auf Straßen in Ortschaften und Städten spült Regen den Reifenabrieb über kurz oder lang in die Kanalisation. Handelt es sich um ein so genanntes Mischwassersystem mit Kläranlage, werden dann mehr als 95 Prozent des Reifenabriebs zurückgehalten.

An Straßen außerorts versickert das Wasser aus Straßenabflüsse in der Regel direkt in Bankett und Böschung. Der größte Teil des Reifenabriebs gelangt so in den straßennahen Boden und wird dort von der oberen bewachsenen Bodenzone zurückgehalten. Etwa 12 bis 20 Prozent des Reifenabriebs können in Oberflächengewässern landen. Dort wird ein Teil der Partikel abgebaut beziehungsweise lagert sich im Sediment ab – die genauen Anteile sind allerdings noch nicht bestimmbar. In einer Modellstudie für das Einzugsgebiet der durch Frankreich führenden Flüsse Seine Schelde fanden andere Autoren heraus, dass etwa zwei Prozent der ursprünglich freigesetzten Reifenabriebmenge in das Meer transportiert wird. Für Flüsse in Deutschland liegen noch keine Modellrechnungen vor.

Drohende Gefahr noch kaum einzuschätzen

Obwohl jährlich große Mengen an Reifenabrieb in Böden eingetragen werden, sind die Effekte auf bodenbewohnende Organismen bisher kaum bekannt. Das trifft fast ebenso auf die ökotoxischen Wirkungen für Wasserorganismen unter Umweltbedingungen zu. Aus Vorsorgegründen empfehlen die Experten, alle wasserwirtschaftlichen Maßnahmen weiter zu optimieren, um Reifenabrieb-Einträge in Gewässer zu mindern. Den Autoren zufolge ist es besonders wichtig, Straßenabflusswasser besser zu reinigen und die Kläranlagen entsprechend in Stand zu halten und auszubauen. Aber auch langlebige, abriebarme Reifen, leichtere Fahrzeuge und ein ruhiges Fahrverhalten können einen Beitrag zu weniger Reifenabrieb leisten.

Originalpublikationen:

Beate Baensch-Baltruschat, Birgit Kocher, Friederike Stock, Georg Reifferscheid: Tyre and road wear particles (TRWP) – A review of generation, properties, emissions, human health risk, ecotoxicity, and fate in the environment. Science of the Total Environment, 733, 1 Sept. 2020. DOI: 10.1016/j.scitotenv.2020.137823

Beate Baensch-Baltruschat, Birgit Kocher, Christian Kochleus, Friederike Stock, Georg Reifferscheid: Tyre and road wear particles – A calculation of generation, transport and release to water and soil with special regard to German roads. Science of the Total Environment, 752, 15 Jan. 2021; DOI: 10.1016/j.scitotenv.2020.141939

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