Suchen

Epidemiologie

Studie: Mehr Herzinfarkte durch Klimawandel?

| Redakteur: Dr. Ilka Ottleben

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Gesundheit des Menschen aus? Dieser Frage versuchen Forscher des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München im Rahmen einer großangelegten Herzinfarkt-Studie auf den Grund zu gehen, die über 27.000 Herzinfarktfälle einbezieht.

Firmen zum Thema

Der Herzinfakt oder auch Myokardinfarkt ist die häufigste Todesursache weltweit.
Der Herzinfakt oder auch Myokardinfarkt ist die häufigste Todesursache weltweit.
(Bild: ©SasinParaksa - stock.adobe.com)

Neuherberg – Jedes Jahr werden in Deutschland nach Angaben des Deutschen Herzberichtes 2018 rund 218.000 Menschen aufgrund eines Herzinfarktes in eine Klinik eingewiesen. Rund 49.000 Menschen sterben daran.

Als wichtige lebensstilbedingte Herzinfarkt-Risikofaktoren gelten z.B.

  • Rauchen
  • Bewegungsmangel
  • Übergewicht
  • Ernährung
  • Stress etc.

Ein in dieser Hinsicht gesunder Lebensstil bzw. dessen Umstellung gilt als ein Ansatz, um das Risiko für einen Myokardinfarkt zu senken und obliegt gewissermaßen jedem Einzelnen. Doch es gibt auch Risikofaktoren, die wir nicht so ohne weiteres in der Hand haben. Denn auch Umweltfaktoren können Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System des Menschen haben. So wird schon länger vermutet, dass starke Temperaturausschläge das Risiko für einen Herzinfarkt erhöhen können. „Besonders für sehr niedrige und sehr hohe Temperaturen wurde das schon gut gezeigt. In der aktuellen Studie wollten wir nun überprüfen, inwiefern sich das Herzinfarktrisiko aufgrund von Hitze und Kälte über die Jahre verändert hat“, so Dr. Kai Chen, Wissenschaftler des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München.

Durch Hitze induziertes Herzinfarkt-Risiko nimmt zu

Gemeinsam mit KollegInnen der Ludwig-Maximilians-Universität München, des Augsburger Universitätsklinikums und des Krankenhauses in Nördlingen untersuchte er dazu Daten des Augsburger Herzinfarktregisters. Einbezogen wurden über 27.000 Herzinfarktfälle zwischen 1987 und 2014. Das Durchschnittsalter der Betroffenen betrug rund 63 Jahre, 73 Prozent davon waren Männer und rund 13.000 Fälle endeten tödlich.

Ergänzendes zum Thema
Was ist das Augsburger Herzinfarktregister?

Das Augsburger Herzinfarktregister wurde ab 1984 anlässlich der MONICA-Studie vom Helmholtz Zentrum München aufgebaut und erfasst seitdem kontinuierlich alle neu aufgetretenen Herzinfarkte bei 25- bis 74-jährigen Personen, die ihren ersten Wohnsitz in der Studienregion haben und in eines der acht beteiligten Krankenhäuser eingewiesen werden. Aufgrund der nahezu vollständigen Beteiligung aller Herzinfarktpatienten und der hohen wissenschaftlichen Wertigkeit der Forschungsergebnisse im Rahmen der bis 1995 durchgeführten MONICA-Studie wird das Herzinfarktregister als fester Bestandteil der kooperativen Gesundheitsforschung in der Region Augsburg (KORA) weitergeführt. Seit 2000 beteiligt sich das Bundesministerium für Gesundheit an der Finanzierung der Datenerhebungen für das Herzinfarktregister mit dem Ziel, die wichtigsten Forschungsergebnisse im Rahmen der Bundesgesundheits-Berichterstattung zu veröffentlichen. Ab 2009 wurde die Altersgrenze auf 84 Jahre heraufgesetzt, um auch Erkenntnisse über das Herzinfarktgeschehen, seine Folgen und die angewendeten Therapien bei älteren Menschen zu bekommen. Das KORA-Herzinfarktregister ist im Universitätsklinikum Augsburg, dem größten Krankenhaus in der Studienregion, angesiedelt.

Diese einzelnen Infarkte wurden gemeinsam mit den meteorologischen Daten des jeweiligen Tages und der vorangegangenen Tage untersucht, und mögliche andere Faktoren wie beispielsweise Wochentage oder sozioökonomischer Status herausgerechnet. Die wichtigste Erkenntnis aus der Studie: „Über den Zeitraum von 28 Jahren konnten wir ein in den letzten Jahren erhöhtes, hitzeinduziertes Herzinfarktrisiko feststellen“, so Erstautor Kai Chen.

Dazu verglichen die Forscher die Ergebnisse aus dem Zeitraum 1987 bis 2000 mit denen zwischen 2001 und 2014. „Die Untersuchungen ergaben, dass in jüngerer Zeit das Herzinfarktrisiko mit zunehmender täglicher Durchschnittstemperatur stärker ansteigt als im vorangegangenen Untersuchungszeitraum“, so Kai Chen.

Wie hoch ist das Herzinfarktrisiko bei Läufern – je nach Alter und Trainingszustand? Kennen Sie alle Symptome eines Herzinfarktes? Diese und weitere Statistiken rund um das Thema Herzinfarkt finden Sie in dieser Bildergalerie:

Bildergalerie

Bildergalerie mit 5 Bildern

Insbesondere Menschen, die durch Diabetes oder erhöhte Blutfettwerte vorbelastet sind, seien heutzutage besonders anfällig. Die Forscher vermuten, dass dies zum einen an der Klimaerwärmung liegt, zum anderen auch Risikofaktoren für einen Herzinfarkt, wie Diabetes oder Hyperlipidämie, zugenommen haben und die Bevölkerung somit anfälliger für Hitze machen.

Das LABORPRAXIS-Klimadossier In unserem Dossier „Klimaforschung“ finden Sie weitere aktuelle Forschungsprojekte und -ergebnisse rund um das Klima.

Klimawandel als Risikofaktor für Herzinfarkt?

„Unsere Studie legt nahe, dass hohe Temperaturen als Auslöser für einen Herzinfarkt häufiger mitgedacht werden sollten - insbesondere mit Blick auf den Klimawandel“, erklärt Studienleiterin Dr. Alexandra Schneider. „Extreme Wetterereignisse wie die Hitzewellen 2018 in Europa könnten in Zukunft zu einem vermehrten Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Ergänzendes zum Thema
Wie begünstigt Hitze Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Bereits 2014 hatte ein Team um Studienleiterin Alexandra Schneider herausgefunden, dass extreme Temperaturen zu einer erhöhten Anzahl von Todesfällen durch Herzinsuffizienz und Schlaganfall führt. Die aktuelle Arbeit zeigt, dass sich dieser Effekt auch auf das Risiko für Herzinfarkte auswirkt. Welche Mechanismen genau zu den Todesfällen führen, können die epidemiologischen Daten nicht erklären. Zwar weiß man, dass die Temperatur unter anderem Einfluss auf die Blutgerinnung, den Blutdruck oder die Viskosität des Blutes hat. Für genaue Analysen müssen aber weitere Studien aus ergänzenden Forschungsdisziplinen folgen.

Gleichzeitig wäre aber zu erwarten, dass kältebedingte Herzinfarkte seltener werden. Unsere Auswertungen deuteten ein niedrigeres Risiko für den späteren Zeitraum an, allerdings war der Risiko-Abfall nicht signifikant und auch besonders kalte Tage gelten nach wie vor als möglicher Auslöser für einen Herzinfarkt. Inwiefern sich die Zunahme der hitzebedingten Herzinfarkte und die Abnahme der kältebedingten Herzinfarkte in der Zukunft die Balance halten, müsse man sehen“, so die Epidemiologin. In ihrer Arbeitsgruppe laufen aktuell Hochrechnungen, die diese Entwicklungen modellieren - sowohl für die Einhaltung als auch die Verfehlung der Ziele des Pariser Klimaabkommens (1.5°C und 2°C als Ziele). Zudem möchten die Forschenden die in Augsburg gewonnenen Ergebnisse in weiteren multizentrischen Studien erhärten.

Originalpublikation: Chen K. et al. (2019): Temporal variations in the triggering of myocardial infarction by air temperature in Augsburg, Germany, 1987 to 2014. European Heart Journal, DOI: 10.1093/eurheartj/ehz116

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de (ID: 45841247)