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Corona: Risikopatienten erkennen Urinproben zur Vorhersage schwerer Covid-19-Verläufe

Redakteur: Christian Lüttmann

Längst nicht jeder Corona-Kranke, der stationär ins Krankenhaus eingeliefert wird, muss auch auf die Intensivstation. Um schon bei Einlieferung das Risiko eines schweren Covid-19-Verlaufes abzuschätzen, eignet sich eine Kombination aus Urin und Blutanalyse. Studienergebnisse dazu stellen Mediziner der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie vor.

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Urinproben können helfen, schwere Verläufe von Covid-19 vorherzusagen.
Urinproben können helfen, schwere Verläufe von Covid-19 vorherzusagen.
(Bild: gemeinfrei,frolicsomepl / Pixabay )

Berlin – Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf eine Corona-Infektion. Die einen sind symptomfrei und merken nicht einmal, dass sie an Covid-19 erkrankt sind. Die anderen leiden unter Husten, Fieber oder gar einer akuten Lungenentzündung. SARS-CoV-2 kann zudem Nierengewebe spezifisch befallen [1], was mit einem signifikant schwereren Erkrankungsverlauf und einer zehnfach erhöhten Sterblichkeit assoziiert ist (11,2 % versus 1,3 % ohne Nierenbeteiligung [2]). Daher empfehlen die Leitlinien inzwischen bei der stationären Aufnahme, den Urin zu untersuchen und eine etwaige Nierenfehlfunktion frühzeitig festzustellen [3].

In einer Pilotstudie vor einem Jahr stellten Prof. Dr. Oliver Gross und sein Team der Klinik für Nephrologie und Rheumatologie von der Universitätsmedizin Göttingen die Hypothese auf, dass sich mithilfe bestimmter Urinwerte bereits bei der stationären Aufnahme vorhersagen lässt, ob eine Intensivtherapie notwendig werden könnte [4]. In der nun publizierten Arbeit (s. Originalpublikation) hat sich diese Vermutung erhärtet und die Forscher haben einen diagnostischen Algorithmus entwickelt, der anhand dieser Urinwerte – kombiniert mit einer Blutuntersuchung – bereits bei der stationären Aufnahme vorhersagt, ob eine Intensivtherapie notwendig werden könnte.

Drei Risikostufen

Das Team um Gross sowie Partner der Universitätskliniken Göttingen, Hamburg, Köln-Merheim und Aachen klassifiziert das Risiko eines schweren Covid-19-Verlaufs abhängig von den Urin- und Blutbefunden in drei Kategorien (niedrig, mittel oder hoch):

  • niedrig: normale Urin- und Blutbefunde
  • mittel: auffällige Urinanalyse, aber normale Blutwerte
  • hoch: auffälliger Urin sowie auffällig niedrige Blutwerte (Serumalbumin < 2 g/dl und/oder Antithrombin III < 70 %)

Ein auffälliger Urinbefund war definiert als Anurie – also verminderte Harnproduktion von weniger als 100 ml pro Tag – oder mindestens zwei pathologische Urinwerte (Osmolarität bzw. spezifisches Gewicht, Leukozyturie, Hämaturie, Albuminurie/Proteinurie).

Am Tag der stationären Einweisung erfolgte eine Urinanalyse und die Mediziner bestimmten relevante Parameter wie Serumalbumin-Konzentration und Antithrombin-III-Aktivität im Blut. In der Studie wurden dann diejenigen Patienten berücksichtigt, die später auf die Intensivstation verlegt werden mussten. Von 223 gescreenten Patientinnen und Patienten erfüllten 145 dieses Kriterium. Bei diesen wurden medizinische Maßnahmen wie künstliche Beatmung oder das Verlegen auf die Intensivstation dokumentiert.

Was Urin über die Schwere von Covid-19 aussagen kann

Das Ergebnis: Eine auffällige Urinanalyse war signifikant mit einem höheren Risiko für eine Intensivbehandlung oder einem erhöhten Todesrisiko assoziiert. Die Patienten hatten hier ein 2,6-mal höheres Sterberisiko als solche mit unauffälliger Urinprobe. Die 18 Patienten, für die in der Studie ein hohes Risiko ermittelt wurde – also auffällige Urin- und Blutwerte – verstarben sogar alle.

Weiterhin mussten Patienten mit pathologischem Urinstatus generell häufiger mechanisch beatmet werden benötigten öfter eine vollständige Lungenersatztherapie oder eine Nierenersatztherapie. Einige der Ergebnisse sind in der folgenden Grafik dargestellt.

Nierenparameter als Seismograph für den Covid-19-Verlauf

„Zusammenfassend zeigen die Daten, dass SARS-CoV-2-assoziierte Urinauffälligkeiten, kombiniert mit zwei einfachen Blutwerten bei der stationären Aufnahme eine Abschätzung erlauben, ob sich die Erkrankung weiter verschlechtert, der Krankheitsverlauf also gefährlich wird oder sogar eine Intensivtherapie notwendig wird“, fasst Studienleiter Gross zusammen. „Die Daten bestätigen prinzipiell den Stellenwert von Nierenparametern als Seismograph für den Covid-19-Verlauf.“

Mit der Urinanalyse steht somit ein wirksames Analysewerkzeug bereit, um sich schon frühzeitig auf schwere Krankheitsverläufe einzustellen. „Kliniken können potenzielle Risikopatientinnen und -patienten früher identifizieren und damit den Bedarf ihrer verfügbaren intensivtherapeutischen Ressourcen nun etwas besser planen“, sagt Prof. Dr. Julia Weinmann-Menke, Mainz, Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN).

Originalpublikation: Gross O, Moerer O, Rauen T et al.: Validation of a Prospective Urinalysis-Based Prediction Model for ICU Resources and Outcome of COVID-19 Disease: A Multicenter Cohort Study, J. Clin. Med. 2021, 10(14), 3049; DOI: 10.3390/jcm10143049

Literatur:

[1] Fabian Braun, Marc Lütgehetmann, Susanne Pfefferle, Milagros Wong, Alexander Carsten, Maja Lindenmeyer, Dominik Nörz, Fabian Heinrich, Kira Meißner, Dominic Wichmann, Stefan Kluge, Oliver Gross, Klaus Püschel, Ann Sophie Schröder, Carolin Edler, Martin Aepfelbacher, Victor Puelles, Tobias B. Huber: SARS-CoV-2 renal tropism is associated with disease severity and acute kidney injury. The Lancet. 2020. DOI: 10.1016/S0140-6736(20)31759-1

[2] Pei G, Zhang Z, Peng J et al.: Renal Involvement and Early Prognosis in Patients with COVID-19 Pneumonia. JASN May 2020, ASN.2020030276; DOI: 10.1681/ASN.2020030276

[3] Kluge, S.; Janssens, U.; Spinner, C.D.; Pfeifer, M.; Marx, G.; Karagiannidis, C.: Clinical practice guideline: Recommendations on in-hospital treatment of patients with COVID-19. Dtsch. Arztebl. Int. 2021, 118, 1–7; DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0110

[4] Gross O, Moerer O, Weber M et al. COVID-19-associated nephritis: early warning for disease severity and complications? The Lancet 2020. Published:May 06, 2020; DOI: 10.1016/S0140-6736(20)31041-2

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