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Warum Lemuren ihr Gesäß mit Tausendfüßern abreiben

| Autor / Redakteur: Dr. Susanne Diederich * / Christian Lüttmann

Ein männlicher Rotstirnmaki (Eulemur rufifrons) auf einem Baum in Madagaskar
Ein männlicher Rotstirnmaki (Eulemur rufifrons) auf einem Baum in Madagaskar (Bild: Louise Peckre/Deutsches Primatenzentrum GmbH)

Wenn auf Madagaskar die Regenzeit anbricht, kriechen sie hervor: Tausendfüßer. Und sie werden bereits von den heimischen Lemuren erwartet. Diese haben eine eigenwillige Art, die vielbeinigen Insekten zu empfangen. Erst kauen sie auf ihnen herum, dann reiben sie sich den Gesäß- und Genitalbereich mit ihnen ein. Warum sie das tun, darüber gibt es viele Theorien. Eine neue spezifische These haben nun Forscherinnen vom Deutschen Primatenzentrum vorgestellt. Sie vermuten, dass die Primaten so Symptome durch Darmparasiten behandeln.

Göttingen – Lemuren und andere Affenarten wie Klammeraffen haben die Angewohnheit, fremde Substanzen oder Materialien über Teile ihres Körpers zu reiben. Drei gängige Theorien, warum sie das tun, lauten: Entweder als eine Form der Kommunikation mit Artgenossen, oder um giftige Substanzen zu entfernen und das „Reibmaterial“ im Anschluss gefahrlos zu fressen, oder als eine Form der Selbstmedikation bei Krankheiten.

Krabbelnde Geheimwaffen aus dem Medizinschrank der Natur

Bei ihrer Feldstudie hat Louise Peckre, Doktorandin der Abteilung Verhaltensökologie und Soziobiologie am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen, fünf Gruppen von Rotstirnmakis im Kirindy-Wald auf Madagaskar beobachtet. Dabei sind ihr sechs Tiere unterschiedlichen Alters und Geschlechts aufgefallen, die auf Tausendfüßern kauten.

Die Tausendfüßer waren ein paar Stunden nach dem ersten starken Regen der Saison aufgetaucht und von den Primaten gefangen worden. Um sich vor Feinden zu schützen, scheiden die meisten Tausendfüßer eine große Bandbreite von Chemikalien aus, die sedierend, abwehrend, reizend oder toxisch wirken. Doch das chemische Waffenarsenal scheint die Primaten nicht abzuhalten, ausgiebig auf den erbeuteten Tausendfüßern herumzukauen. Dabei beobachtete Peckre, wie sich eine größere Menge einer orange gefärbten Flüssigkeit gebildet hat, vermutlich eine Mischung aus Speichel und Tausendfüßersekret.

Anschließend haben sich die Rotstirnmakis mit den zerkauten Tausendfüßern Haut und Fell rund um Genitalien, Darmausgang und Schwanz eingerieben. Die Lemuren haben einige der Tausendfüßer nach ausgiebigem Kauen auch gefressen, wie Peckre berichtet. „Die Kombination aus Einreiben und Fressen von Tausendfüßersekreten könnte eine Art der Selbstmedikation bei Rotstirnmakis sein“, vermutet die Biologin.

Parasitenprävention mit tausend Beinen?

Vermutlich werden die Tausendfüßer deshalb gefressen, weil sie Benzochinon ausscheiden, eine chemische Verbindung, die auch Mücken abwehrt. Das Fressen und Einreiben könnte ebenfalls dazu beitragen, Magen-Darm-Parasiten loszuwerden und speziell gegen bestimmte Nematoden wirken – Parasiten, die Hautirritationen rund um den Darmausgang hervorrufen. Diese Würmer und ihre Eier führen bei befallenen Tieren oftmals zu juckenden Hautausschlägen.

„Bei unseren Beobachtungen sind uns bei mehreren Tieren kahle Stellen am unteren Rücken aufgefallen, die wahrscheinlich durch wiederholtes Scheuern entstanden sind und damit auf einen Befall mit Nematoden hinweisen“, bekräftigt Peckre ihre These, dass die Tausenfüßerbehandlung gegen Befall von Darmparasiten angewendet wird. Sie und ihre Kolleginnen vermuten sogar, dass die Lemuren Tausendfüßer nicht nur zur Behandlung, sondern auch zur Prävention gegen die Parasiten und deren Symptome nutzen.

In weiteren Studien würden die Wissenschaftlerinnen gerne die Effekte des Fressens und Einreibens mit Tausendfüßern genauer untersuchen. Dazu wollen sie Affenarten, die sich nur einreiben, aber die Tausendfüßer nicht fressen, mit solchen vergleichen, die sich sowohl einreiben als auch die Insekten fressen. „Wir erwarten, dass stärker mit Darmparasiten befallene Affenarten mit höherer Wahrscheinlichkeit Tausendfüßer fressen“, spekuliert Peckre.

Originalpublikation: Peckre LR, Defolie C, Kappeler PM, Fichtel C : Potential self-medication using millipede secretions in red-fronted lemurs: combining anointment and ingestion for a joint action against gastro-intestinal parasites?. Physical Review Letters 121 (2018) 064502; DOI: 10.1007/s10329-018-0674-7

* Dr. S. Diederich, Deutsches Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung, 37077 Göttingen

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