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Deutsche Biotechnologietage 2020 Biotech in Deutschland – Deutsche Unternehmen gegen SARS CoV-2

| Redakteur: Christian Lüttmann

Ohne die Biotechnologie wird es keinen Corona-Impfstoff geben. Die hochrelevante Branche traf sich Ende Juni zu den Deutschen Biotechnologietagen – Pandemie-bedingt nur virtuell. Warum die millionenschwere Förderung durch die Bundesregierung noch zu wenig ist, wie viele Forschungsprojekte erfahrungsgemäß scheitern und wieso die niedrige Infektionsrate in Deutschland ein Problem sein kann, diskutierten die Referenten in Vorträgen und Panels.

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In Zeiten der globalen SARS-CoV-2-Pandemie gehört die Biotechnologie derzeit zu den stark gefragten Branchen. (Symbolbild)
In Zeiten der globalen SARS-CoV-2-Pandemie gehört die Biotechnologie derzeit zu den stark gefragten Branchen. (Symbolbild)
(Bild: gemeinfrei / Pixabay )

Berlin – In der Corona-Pandemie gibt es einige Branchen, die besonders stark gefragt sind. Dazu gehört auch die Biotechnologie, deren Angestellte mit Impfstoffforschung und Medikamentenentwicklung einen essenziellen Beitrag leisten, um die Krise zu bewältigen. Ein nicht zu verachtender Teil dieser Unternehmen ist in Deutschland angesiedelt. Auf den Biotechnologietagen veranstaltet von BIO Deutschland e.V. und dem Arbeitskreis der deutschen BioRegionen präsentierten Vertreter einiger dieser Firmen ihre derzeitigen Aktivitäten im Bereich der Corona-Bekämpfung und diskutierten über Erfolge und Versäumnisse in der Impfstoffforschung – ansteckungsfrei in einem dreitägigen online Webinar.

Der Preis für die Forschung

Mit rund 700 Unternehmen stellt die Biotechnologie eine große Branche in Deutschland dar. Fast 34.000 Angestellte waren 2019 dort tätig und erwirtschafteten einen Gesamtumsatz von rund 4,9 Milliarden Euro – 10% mehr als im Vorjahr. Dies zeigt die wachsende Bedeutung der Biotechnologie in Deutschland. Wie sich die Corona-Krise auf die Branche auswirkt, ist jetzt noch nicht abzuschätzen. Oliver Schacht, Vorstandsmitglied von Bio Deutschland, rechnet aber mit einem positiven Effekt: „Die Krise wird dazu führen, dass 2020 mehr Fördergeld in die Biotechnologiebranche fließt.“ Eine Entwicklung, die er für dringend nötig hält. Denn die Forschung an neuen Therapeutika und Impfstoffen ist extrem teuer.

Die Bundesregierung will mit Fördergeldern von bis zu 750 Millionen Euro die Impfstoffentwicklung in Deutschland unterstützen. Das sei aber noch bei weitem nicht ausreichend. „Es braucht eher Milliarden“, sagt Thomas Schirrmann, Geschäftsführer von Yumab. „In Deutschland machen wir vielleicht 10% von dem was wir tun sollten, um die Biotechnologie zu fördern.“

Hohe Quote des Scheiterns

Fördergelder sind vor allem in späteren Entwicklungsstadien unerlässlich. Während der Projektbeginn oft noch mit eigenen Mitteln zu stemmen ist, sind klinische Studien nur noch mithilfe von Investoren realisierbar. „Die sagen aber oft, dass sie sich ein Projekt erst einmal eine zeit lang genauer angucken möchten, bevor sie dort investieren“, beklagt Schirrmann. Zeit, die in der aktuellen Krisensituation eigentlich nicht vorhanden ist.

Dabei ist die Vorsicht aus wirtschaftlicher Sicht absolut gerechtfertigt. Von zehn Projekten schafft es im Schnitt schließlich nur eines bis zur Marktreife: Ein hohes Risiko für alle beteiligten. Doch Dieses Scheitern ist unumgänglicher Teil auf dem Weg zu einem Impfstoff oder einer Antikörpertherapie. Denn ohne die neun fehlgeschlagenen Projekte gibt es rein rechnerisch auch kein erfolgreiches.

Zu wenig Infizierte in Deutschland?

Die Experten der Biotechnologietage haben aber auch Lob für die Fortschritte in Deutschland. Mittlerweile ist die Ausstattung mit Coronatests dank gesteigerter Produktion so gut, dass es dort keine Engpässe mehr gibt. Und überhaupt sei das Infektionsgeschehen – von einigen lokalen Ausbrüchen abgesehen – gut unter Kontrolle. Daraus folgt paradoxerweise gleich das nächste Problem. „Wir waren so gut in der Krisenbewältigung, dass es nun in Deutschland schwierig ist ‚frische‘ Patienten für klinische Studien zu finden“, erklärt der Bio-Deutschland-Vorsitzende Schacht. Man führe daher auch in verschiedenen Gebieten in China und den USA Tests zur Effektivität von Impfungen und Therapeutika durch, wo die Infektionsraten noch höher sind.

Arbeiten im Ausnahmezustand

Was in Deutschland auf dem Gebiet der Covid-19-Forschung unter anderem passiert, zeigten die Referenten der dreitägigen Online-Veranstaltung, den Deutschen Biotechnologietagen. Grundsätzlich versuchten viele der Unternehmen, mit gesteigerter Produktion von Analyse-Kits oder relevanten Verbrauchmaterialien der hohen Nachfrage von Kliniken, Teststationen und Forschungseinrichtungen nachzukommen. Qiagen schaffte es an einigen Standtorten, die Produktion zeitweise um das 50-fache zu steigern.

Dass bei einer Ausnahmesituation nicht nur das Wohl der betroffenen Patienten, sondern auch die Sicherheit der Mitarbeiter in den Biotechunternehmen wichtig ist, betonte Michael Zaiac, Head of Medical Affairs, Novartis. Er setzte verstärkt auf Homeworking, was auch weiterhin jedem Mitarbeiter als Option freisteht, der noch nicht an den Arbeitsplatz vor Ort zurückkehren möchte. Zaiac wies auch darauf hin, dass trotz Fokussierung auf Corona-bezogene Projekte die Forschung an lebensbedrohlichen oder chronisch beeinträchtigenden Krankheiten aufrechterhalten wurde. Anderweitige Wirkstoffstudien wurden teilweise unterbrochen, um Krankenhäuser nicht zusätzlich zu belasten und auch die Studienteilnehmer nicht unnötig durch zusätzliche Arztbesuche zu gefährden.

Lernen für zukünftige Krisen

Die Experten sind überwiegend optimistisch, dass in den kommenden Monaten weitere Erfolge bei der Impfstoffentwicklung und dem Design von Therapeutika gegen Covid-19 gemacht werden. Über 130 Impfstoff-Projekte laufen laut Paul-Ehrlich Institut, 13 bereits in der klinischen Phase. Doch eines sei sicher: Die Corona-Krise wird nicht die letzte Pandemie sein. Umso wichtiger sind die Erfahrungen und Lehren, die jetzt gemacht werden. So können zukünftige Pandemien hoffentlich effektiver und schneller bewältigt werden.

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