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Forschungstrends bei Evonik

Digital, biotechnisch und zukunftsorientiert

| Redakteur: Christian Lüttmann

Kreativität und Innovation sind zentrale Triebkräfte in der Industrie. Welche Früchte daraus entstehen können, präsentierte Evonik im Juni beim jährlichen Pressegespräch zum Thema Forschung und Entwicklung. Neben Gewebezüchtung und einem Projekt zu Zukunftsszenarien stellte das Unternehmen auch den Prototyp eines sprachgesteuerten Assistenten für Lacke und Formulierungen vor.

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Einer der aktuellen Forschungsschwerpunkte bei Evonik ist die Züchtung von Gewebe.
Einer der aktuellen Forschungsschwerpunkte bei Evonik ist die Züchtung von Gewebe.
(Bild: Evonik Industries AG)

Düsseldorf – Zum sechsten Mal lud Evonik am 27. Juni zum Pressegespräch „Forschung und Entwicklung“ ein. Vertreter aus den verschiedensten Unternehmensbereichen stellten im Lindner Hotel in Düsseldorf aktuelle Trends und Entwicklungen des Unternehmens vor.

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg eines Unternehmens ist dessen Innovationskraft. „Wir haben uns für sechs Innovationswachstumsfelder entschieden“, sagt Harald Schwager, Vorstand für Chemie und Innovation. „Warum sechs? Wenn man auf einem Gebiet vorankommen will, muss man eine kritische Masse bei bestimmten Themen überschreiten, um in erkennbarer Zeit ans Forschungsziel zu kommen. Andererseits kann man nicht beliebig viele Themen nehmen, weil dies schnell überfordern würde. Symbolisch gesprochen: 100 Wachteleier im Nest sind nicht gut und ein Straußenei auch nicht. Von daher haben wir uns für sechs Gänseeier entschieden.“

Diese sechs Gänseeier sind bei Evonik die Innovations-Wachstumsfelder „Advanced Food Ingredients“, „Cosmetic Solutions“, „Healthcare Solutions“, „Additive Manufacturing“, „Membranes“ und „Sustainable Nutrition“. Um diese zu stärken, stellt Evonik jährlich über 450 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung zur Verfügung. Allein 2018 erwirtschaftete der Konzern so einen Umsatz von über 250 Millionen Euro aus seinen Innovations-Wachstumsfeldern.

Forschen an einer zweiten Haut

Einer der aktuellen Forschungsschwerpunkte ist die Züchtung von Gewebe – das Tissue Engineering –, allen voran von Haut. Wenn es gelingt, deren komplexe Struktur aus den verschiedenen Gewebeschichten, Poren und Blutgefäßen im Labor nachzubilden, würde dies viele Vorteile bringen: Hautverträglichkeit von Medikamenten und Kosmetika ließen sich unter lebensechten Bedingungen ohne Tierversuche testen, Brandverletzungen könnten besser versorgt oder chronische Entzündungen der Haut behandelt werden.

Zwar ist es schon möglich, entnommene Hautzellen im Labor zu vervielfältigen und dann zu transplantieren. Bisher bilden Hautmodelle das natürliche Vorbild jedoch nur unzureichend ab. Ein internationales Experten-Team von Evonik will dies ändern. „Unser Ansatz sind chemisch hergestellte, synthetische Materialien, die über die gleiche biologische Kompatibilität wie tierische Produkte verfügen und zugleich die richtigen mechanischen und physikalischen Eigenschaften haben“, sagt Alexander König, Chemiker und Leiter des Projekthauses Tissue Engineering in Singapur. Zusammen mit Forschern aus Deutschland und den USA soll das in Singapur angesiedelte Projekt über drei Jahre der Vision einer künstlichen Haut näher kommen. Indem Evonik die unterschiedlichen Kompetenzen der drei Standorte vernetzt, will das Unternehmen die Innovationskraft des Projekts maximieren. „Erste Kultivierungen werden in Singapur bereits durchgeführt“, bestätigt König den Erfolg des Unterfangens.

Die Welt in 20 Jahren – Fünf Zukunftsszenarien von Evonik

Um auch in Zukunft erfolgreich zu sein, versucht Evonik schon heute abzuschätzen, wie die Welt in 20 Jahren sein wird. Dazu hat der Konzern in der weltgrößten Studie dieser Art fünf Zukunftsszenarien entworfen, die Rahmenbedingungen für die politische, wirtschaftliche und soziale Situation im Jahr 2040 umreißen.

Das Corporate-Foresight-Team von Evonik hat mehr als 100 Interviews mit internen und externen Experten aus den Bereichen Chemie, Politik und Wirtschaft geführt und daraus Schlüsselfaktoren und Einflüsse abgeleitet. Herausgekommen sind schließlich fünf Zukunftsbilder, die mittel- bis langfristig relevant für das Geschäft werden können. Diese sollen Evonik helfen, sich bestmöglich für die Zukunft aufzustellen. „Ideal wäre es natürlich, wenn alle unsere Forschungsprojekte für alle Szenarien funktionieren. Realistisch gesehen wird dies aber nicht gelingen, zumal einige Szenarien in direktem Widerspruch zueinander stehen“, sagt Björn Theis aus dem Corporate Foresight Team. „Wenn ein Projekt funktioniert, ein anderes aber nicht, ist das nicht schlimm. Entscheidend ist letztlich, dass die Gesamtheit der Geschäftsstrategien passt“, ergänzt Innovationsvorstand Schwager.

Die Bildergalerie zeigt die fünf Zukunftsszenarien der Evonik-Studie im Überblick:

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Alexa fürs Lack-Labor

Eines der fünf Zukunftsszenarien spielt die zunehmende Bedeutung der Digitalisierung durch: mit verbreitetem Einsatz von Künstlicher Intelligenz und Supercomputing. Passend zu dieser Zukunftsaussicht entwickelt Evonik zur Zeit einen besonderen digitalen Laborassistenten: Das sprachgesteuerte Service-Tool „Coatino“ soll Anwendern aus der Industrie und Forschung im Bereich der Lackformulierungen und Beschichtungen unterstützen. Wie das aussehen kann, demonstrieren Projektleiter Oliverkohl und der Leiter des Geschäftsbereichs Coating Additives Gaetano Blanda.

Das sprachgesteuerte Service-Tool „Coatino“ soll Anwendern aus der Industrie und Forschung im Bereich der Lackformulierungen und Beschichtungen unterstützen.
Das sprachgesteuerte Service-Tool „Coatino“ soll Anwendern aus der Industrie und Forschung im Bereich der Lackformulierungen und Beschichtungen unterstützen.
(Bild: Evonik)

„Empfehle mir einen wasserbasierten Entschäumer für eine Holzbeschichtung“, sagt Kohl auf Englisch. Und wie man es von anderen Sprachsteuersystemen kennt, antwortet Coatino mit ihrer Computerstimme: „Aus 62 Produkten für wasserbasierte entschäumende Holz-Coatings empfehle ich Surfynol DF 110 C. Möchten Sie die Auswahl weiter einschränken?“ Tatsächlich ist Coatino eine Art Alexa für die Lackindustrie. Wo der Alltagssprachassistent bei den Fachtermini versagen würde, haben die Programmierer von Evonik ihrem System die nötigen Vokabeln beigebracht. Und dank Maschinellen Lernens und diversen Feedback-Schleifen durch die Anwender soll das Programm immer besser mit den Empfehlungen werden.

Für die Anwender bietet die Benutzeroberfläche der App übersichtliche Vergleichsmöglichkeiten der verschiedenen Produktempfehlungen. Basierend auf den Erfahrungen früherer Suchanfragen werden die Vorschläge entsprechend gewichtet, und der am besten passende ganz oben angezeigt. Auch Fremdprodukte von nicht direkt kompetitiven Unternehmen können in diesen Listen auftauchen. „Wettbewerb spornt uns bei Evonik an, noch besser zu werden“, kommentiert Blanda. „Ich bin zuversichtlich, dass unsere Entwicklungsabteilung Coating and Additives so gut ist, dass unsere Produkte dank ihrer Qualität in den Empfehlungslisten oben stehen. Und wenn nicht lernen wir daraus, wie wir unsere Produkte an die Kundenanforderungen anpassen können.“

Noch befindet sich das Tool in der Testphase. Die ersten Probe-Anwender seien aber schon durchweg positiv gestimmt, betonen Kröhl und Blanda. Wenn die Produkteinführung wie geplant gelingt, könnte der Sprachassistent ab 2020 Kunden aus der Coatings-Industrie umständliches Suchen nach geeigneten Farben, Lacken und Beschichtungen ersparen.

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