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Genießbarkeit per App berechnen Ein echtes Haltbarkeitsdatum für Lebensmittel?

| Autor/ Redakteur: Eva Tritschler* / Christian Lüttmann

Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist kein Wegwerfdatum. Trotzdem entsorgen viele Verbraucher Lebensmittel mit abgelaufenem MHD – zur Sicherheit. In Zukunft soll eine neue Etikettierung derartige Lebensmittelverschwendung eindämmen: Das Dynamische Haltbarkeitsdatum berechnet die Frische von Produkten anhand mehrerer Parameter. Per App soll so zuverlässig zu prüfen sein: Noch essbar oder besser wegschmeißen?

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Das Bild zeigt die App für den FreshIndex auf dem Smartphone.
Das Bild zeigt die App für den FreshIndex auf dem Smartphone.
(Bild: ©seventyfour - stock.adobe.com; FreshIndex)

Sankt Augustin – Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist eine oft missverstandene Angabe. Soll es eigentlich nur für Sicherheit und Frische sorgen, führt es allzu oft zu unnötiger Lebensmittelverschwendung. Die Milch ist „aus dem Datum“? Ab in die Tonne damit. Dabei sind viele Lebensmittel bei richtiger Lagerung auch nach Ablauf des MHD noch frisch und lange Zeit genießbar. Trotzdem schmeißt jeder Bundesbürger in Deutschland jedes Jahr durchschnittlich 24 kg noch genießbare Lebensmittel in die Mülltonne, wie aus dem Ernährungsreport 2019 des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hervorgeht.

Um diese unnötige Lebensmittelverschwendung einzuschränken, entwickelt Matthias Brunner mit seinem Start-Up-Unternehmen Tsenso eine Alternative zum Mindesthaltbarkeitsdatum: das Dynamische Haltbarkeitsdatum (DHD). Dieses soll eine verlässlichere Information über die tatsächliche Verzehrbarkeit von Lebensmitteln bieten und so eine vorschnelle Entsorgung von eigentlich einwandfreien Produkten entgegenwirken.

Genauere Prognose der Haltbarkeit

Statt ein fixes Datum aufzudrucken, dass nur durch Art des Lebensmittels und Zeitpunkt der Verpackung bestimmt ist, berechnet ein Algorithmus den verbleibenden Haltbarkeitszeitraum. Dieser ist damit deutlich flexibler und bezieht mehr relevante Faktoren mit ein. Um die unterschiedlichen Verderbnisprozesse in Lebensmitteln zu modellieren, muss das System mit relevanten Echtzeitdaten von Transport und der Lagerung sowie der initialen Produkthygiene des Herstellers gespeist werden. Auf dieser Grundlage ermittelt das Programm anschließend exaktere Haltbarkeitszeiten in Abhängigkeit von Temperatur und mikrobieller Anfangskontamination.

In dem Pilotprojekt Fresh Index hat Brunner eine „Frische-App“ erprobt, die das DHD berechnen soll. Für die sechswöchige Testphase in fünf Metro-Großmärkten hatte die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg eigens Interviews konzipiert. Die Ergebnisse aus 143 Kundenbefragungen flossen in die Weiterentwicklung der App ein.

„In der App konnten die Verbraucher ihre eigenen Transport- und Lagerbedingungen zum Beispiel über die Temperatur im eigenen Kühlschrank ergänzen. Viele waren überrascht über den hohen Einfluss der Kühlschranktemperatur auf die Haltbarkeit und überdachten in diesem Zusammenhang ihren eigenen Kühlprozess“, sagt Prof. Dr. Gunnar Stevens, Verbraucherinformatiker an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und Universität Siegen.

Erste Tests mit Fleischprodukten

Die Universität Bonn erhob und validierte die zugrundeliegenden wissenschaftlichen Verderbnismodelle in umfangreichen Labor- und Pilotstudien. Für die Lagerstudien untersuchten die Forscher Schweineschnitzel und Minutensteaks. „Insbesondere Fleischprodukte haben aufgrund des großen Ressourceneinsatzes in der Herstellung einen wichtigen Stellenwert bei der Verschwendung von Lebensmitteln. Hinzu kommt, dass Fleisch ein leicht verderbliches Lebensmittel ist, welches sehr sensibel auf Temperaturänderungen reagiert“, erläutert Dr. Judith Kreyenschmidt, Leiterin der Arbeitsgruppe Kühlkettenmanagement an der Universität Bonn.

Weiterentwicklung der Haltbarkeits-App läuft

Bis jeder im Supermarkt die tatsächliche Frische und Haltbarkeit etwa von Fleischprodukten mit dem Smartphone überprüfen kann, gilt es noch einige Herausforderungen zu meistern: So muss die wissenschaftliche Datenerhebung von Verderbnisprozessen verschiedener Lebensmittel sichergestellt werden. Und auch eine lückenlose Überwachung der Lager- und Transporttemperaturen auf dem Weg vom Produzenten bis zum Kühlregal ist nötig für ein funktionierendes DHD.

Im Folgeprojekt „FreshAnalytics“ arbeitet Brunner mit seinen Partnern an dieser Fragestellung weiter. Ziel ist die Entwicklung eines digitalen Basissystems für ein einheitliches Datenmanagement entlang der Lebensmittelkette und die Bereitstellung einer lebensmittelspezifischen Tool-Bibliothek. Wenn es nach Brunner geht, wird in Zukunft dann das aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum durch digitale Preisschilder im Laden sowie durch die Nachverfolgung in der App ergänzt.

Mehr Informationen zu dem Projekt und dem Dynamischen Haltbarkeitsdatum finden Sie auf der Seite freshindex.org.

* E. Tritschler, IZNE Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, 53757 Sankt Augustin

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